Girlsplaining | Rezension und Interview mit Autorin Katja Klengel

Girlsplaining | Rezension und Interview mit Autorin Katja Klengel

Girlsplaining

Autorin: Katja Klengel
Verlag: Reprodukt
Erschienen: 12. September 2018
Seiten: 160
Preis: 18,00 €

Ich habe das Buch kostenlos vom Verlag zur Verfügung gestellt bekommen.

Ist Vulva das Voldemort der Muggel?

Zum ersten Mal schafft es auch ein Comic auf meinen Blog! Ich kann nicht einmal sagen wieso, aber normalerweise lese ich Comics selten bis gar nicht und auch Manga hatte ich ewig nicht mehr in der Hand. Das hat sich geändert, als ich auf Katja Klengels Girlsplaining aufmerksam wurde. Warum wir vor dem Wort ‘Vulva’ mehr Angst haben als vor Voldemort, wieso Kinderspielzeug, was Geschlechterrollen angeht, in den 50ern hängen geblieben ist und das Thema weibliche Körperbehaarung – mit tollen Zeichnungen und noch tollerem Humor nimmt die Autorin sich dieser Themen an.

Besonders gefallen hat mir dabei, dass das Buch sich sowohl an LeserInnen richtet, die sich schon mit dem Thema Feminismus befasst haben, als auch an jene, die sich mit den Debatten vielleicht noch nicht auskennen. Denn Katja Klingel beschreibt Kindheits- und Alltagsszenen, wie sie wohl jede Frau kennen dürfte, und macht diese durch popkulturelle Anspielungen noch nahbarer. Wieso müssen wir Frauen uns für Kinderlosigkeit rechtfertigen? Wieso wirft man uns so schnell Hysterie vor? Wieso behandeln wir in der Literatur fast ausschließlich männliche Autoren?

Girlsplaining Katja KlengelDie Comics bringen nicht nur zum Nachdenken und Hinterfragen der eigenen Handlungen und Muster, sie machen auch Mut, die Dinge beim Namen zu nennen. Um es mit Hermine Granger zu sagen: “Angst vor einem Namen macht nur noch größere Angst vor der Sache selbst.” Wieso also sagen wir beschämt ‘untenrum’, wenn wir eigentlich Vulva meinen? Wieso reden wir hinter vorgehaltener Hand über unsere Periode und schämen uns fast schon für sie? Girlsplaining ist ein Appell für mehr Offenheit und weniger Angst – für eine Zurückeroberung des eigenen Körpers, der so lange gesellschaftliche Fremdbestimmung erfahren hat.

Da ich darauf aktuell verstärkt achte, ist mir als einziges Manko die fehlende Diversität in dem Buch aufgefallen. In gewisser Weise lässt sich das dadurch erklären, dass der Comic autobiografisch ist, jedoch lebt die Autorin ebenfalls in Berlin, sodass ein völlig weißes Umfeld vom Bäcker über die U-Bahn bis hin zum Krankenhaus zumindest fragwürdig ist. Vielleicht kann man hierauf in den hoffentlich noch folgenden Teilen mehr achten.

Nichtsdestotrotz kann ich den Comic nur empfehlen. Katja Klengel bringt aktuelle Problematiken mit wenigen Worten und Zeichenstrichen auf den Punkt und rundet das Ganze mit ihrem Humor und popkulturellen Anspielungen ab. Und auch wenn die Autorin den Begriff Heldin als ein pathetisches Überbleibsel aus alten Zeiten bezeichnet, so ist sie für mich doch irgendwie eine. Denn würden mehr Menschen denken wie sie – unser Selbstbewusstsein als Frau wäre ein anderes.

Kurzinterview mit Autorin Katja Klengel

Im September war ich auf Katjas Lesung in Berlin und durfte sie und Girlsplaining live erleben. Katja hat eine tolle Ausstrahlung, die den gesamten Saal mitriss. Ihre Begeisterung für Sailer Moon brachte uns alle mehrmals zum Lachen und ihr selbstbewusstes Auftreten hat sich so sehr auf das Publikum übertragen, dass wir am Ende alle laut und stolz “Viva la Vulva” rufen konnten!

Katja war so lieb, mir im Nachhinein ein paar Fragen zu ihrem Buch zu beantworten.

Kannst du dich noch an das erste Mal erinnern, als du dich selbst “Feministin” genannt hast und hat irgendein bestimmtes Erlebnis dahingeführt oder wie kam es, dass du dich (mehr) damit auseinandergesetzt hast?

Durch meine Kolumne bei Broadly habe ich eigentlich erst bewusst begonnen, mich mit feministischen Themen auseinanderzusetzen. Es gab nicht diesen einen Moment, der für mich ausschlaggebend war, mich Feministin zu nennen. Vielmehr war es ein Prozess. Und ist es auch immer noch. Ich halte mich nicht für eine Feminismus-Expertin, sondern selbst für eine Suchende.

Immer öfter stelle ich während des Prozesses fest, dass viele doch persönliche Anekdoten Überschneidungen mit den Geschichten anderer haben. Die Probleme, die den Anekdoten zugrunde liegen, sind gar nicht nur persönlich, sondern lassen sich oft auf strukturelle Probleme zurückführen.

In Girlsplaining führst du deine Heldinnen der 90er auf. Welche starken Frauen/Frauenfiguren beeindrucken und prägen dich aktuell?

Es sind nicht nur immer Frauenfiguren, die mich aktuell prägen. Sondern mich prägen Figuren, bei denen ich merke, sie sind irgendwie anders erzählt, differenzierter und verharren nicht nur in alten Rollenklischees.

Deswegen kann ich mich zum Beispiel für die Geschichten von Gillian Flynn begeistern. In Gone Girl und Sharp Objects setzt sie sich viel mit Rollenbildern und Projektionen auf Frauen* auseinander.

Ich kann mich auch sehr für die Animationsserie Steven Universe von Rebecca Sugar begeistern: eine Fantasy-Serie über den Jungen Steven, der halb Mensch und halb Chrystal Gem ist. Er gehört zu der Gruppe der Chrystal Gems, ein liebevoller Haufen Außerirdischer, die die Erde beschützen wollen. In der Geschichte geht es ums Anderssein, um die Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rassismus. Es geht um Liebe, unabhängig vom Geschlecht. Es geht um Vielfalt und das Miteinander auf der Welt.

Die Serie ist von Sailor Moon inspiriert. Setzt aber ganz neue Werte. Es gibt keine überzeichneten Body-Standards: Körper dürfen Körper sein und müssen sich keinen Schönheitsnormen unterwerfen.

Girlsplaining Katja Klengel
Erlebst du immer noch augenöffnende Momente so wie Comic-Katja beim Geist der verrosteten Rasierklingen? Wann hattest du zuletzt einen?

Ach, der Geist der verrosteten Rasierklingen begegnet mir auch heute noch immer wieder. Es ist schwer, alte Denkmuster abzulegen. Augenöffnende Momente hab ich dann regelmäßig im Kiosk. Wenn ich mal wieder Zeitschriften sehe, die mir in kreischenden Farben ihre Welt propagieren, in der Frauen dazu aufgefordert werden, ihren Körper zu hassen. Dann merk ich schon, dass ich liebevoller zu mir sein darf.

Du darfst einen Klassiker – sei es Buch oder Film – feministisch umschreiben. Auf was würde deine Wahl fallen und was würdest du ändern?

Also. Ich hab letztens mit meinem Freund nochmal Friends geschaut. Jeder, der das schon hinter sich hat, hasst Ross. Ross ist so ziemlich der konservativste, arroganteste, narzisstischste Typ, wo gibt. Aber ich hab immer gesagt, was Friends richtig gemacht hat, ist das Ende.

Spoiler

Rachel bekommt einen Job angeboten in Paris und will wegziehen. Weil sie endlich ihre Aufgabe im Leben gefunden hat und bereit ist, dafür etwas aufzugeben. Ihren sicheren Hafen. Und Ross, weil er sie so liebt, lässt sie gehen. Er weiß, wie wichtig ihr das ist, und entscheidet sich, mit ihr nach Paris zu kommen und sie zu unterstützen.

Wir gucken die Serie. Wir sind am Ende. Und es kommt zu der Szene, als Rachel den Freunden mitteilt, dass sie nach Paris ziehen will. Nur, wer kommt damit nicht klar? Ross. Er erzählt Rachel, dass er sie immer noch liebt, sie schlafen miteinander. Rachel sagt dann jedoch nicht: „Ja, done that, been there. Ich muss nach Paris, Kunde!“, nein! Sie bleibt in New York. Für Ross. FÜR ROSS! Und gibt den Job auf.

Das war nicht das Ende, was ich meinem Freund versprochen hatte. Ich war total geschockt. Rachel, die die ganze Serie gebraucht hat, um sich zu emanzipieren, lässt sich jetzt wieder domestizieren. Dann will ich lieber das Ende, an das sich mein Kopf fälschlicher Weise erinnert hat. Denn das finde ich moderner und fairer. Und überhaupt: Wir hassen Ross.

Spoiler Ende

Und wenn wir schon dabei sind, könnte man aus Friends Fatsuits und Bodyshaming streichen und alle homophoben Bemerkungen.

Vielen Dank an Katja für das tolle Interview und den Serientipp sowie an Reprodukt für das Buch und die schöne Lesung.

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