7,5 Millionen Menschen können diesen Beitrag nicht lesen – Funktionaler Analphabetismus und Leichte Sprache, was ist das überhaupt? [Werbung + Gewinnspiel]

Ich habe mich in den letzten Jahren in sehr vielem weiterentwickelt, vor allem, was mein Denken und meine Sprache angeht. Zu diesem Umdenken haben zum einen Bücher beigetragen, zum anderen Twitter. Noch vor zwei Jahren habe ich unreflektiert Wörter benutzt, bei deren Gebrauch ich heute zusammenzucke, wenn ich sie in der Straßenbahn höre. Ein „Ist der ‘behindert’, oder was?“ erschien mir damals völlig unproblematisch – mittlerweile schäme ich mich richtig, dass ich mir der Problematik solcher Aussagen gar nicht bewusst war. Letzte Woche, als ich schon wusste, dass ich diesen Beitrag schreiben will, hörte ich im Fitnessstudio dann ein “Bist du zu dumm zum Lesen?!” – und möchte heute darüber reden, wieso solche Sätze problematisch sind und wie Betroffenen geholfen werden kann.

Vielleicht überlegt man sich zweimal, ob man Sätze wie oben genannten äußert, wenn man sich bewusst macht, dass mehr als 7 Millionen Menschen in Deutschland tatsächlich nicht richtig lesen und schreiben können. Sie sind funktionale Analphabeten, das heißt, sie können einzelne Wörter oder Sätze zwar lesen und schreiben, diese Fähigkeiten reichen jedoch nicht zur funktionalen Teilnahme am Leben in unserer Gesellschaft aus. 7,5 Millionen. Die Chance, dass jeder von uns mindestens einen funktionalen Analphabeten kennt, ist extrem hoch, was das Thema umso wichtiger macht – denn es ist nach wie vor sehr stigmatisiert.

Auf Twitter habe ich dann auch zum ersten Mal von Leichter Sprache gelesen. Ein Foto eines Buchs in Leichter Sprache wurde mir in die Timeline gespült. Irgendein Klassiker. Links in Leichter Sprache, rechts das Original. Das Buch auf dem linken Foto war gerade einmal halb so dick wie das auf dem rechten. Der Literaturwissenschaftler in mir war, noch bevor das Denken einsetzen konnte, entrüstet. Darf man Klassiker einfach so umschreiben? Zerstört das die Sprache eines Fausts nicht?
Hinter Einfacher bzw. Leichter Sprache steckt ein Stigma, das es irgendwie in meinen Kopf geschafft hat. Nur wann? Und vor allem: wieso?

Ich habe auf Tumblr mal einen Spruch gelesen, der besagt, dass es nicht unser erster Gedanke ist, der uns ausmacht, sondern unser zweiter. Der erste Gedanke, der uns durch den Kopf geht, ist der, der uns von außen anerzogen wurde. Es ist der Gedanke danach, der bestimmt, wer wir sind. Doch für diesen zweiten, viel wichtigeren Gedanken muss ein bewusstes Nachdenken einsetzen und für dieses benötigt man Wissen. Dieser Beitrag soll also einen ersten Einblick in das Thema bieten und zum Nachdenken und Reflektieren der eigenen Sprache anregen.

Leichte SpracheEinfache vs. Leichte Sprache – Wo ist da der Unterschied?

Man unterscheidet zwischen Einfacher und Leichter Sprache. Einfache Sprache befindet sich in etwa auf dem A1/A2-Niveau des europäischen Referenzrahmens für Sprachen. Sie ist also besonders für Sprachenlerner geeignet und ist uns ähnlich bestimmt schon im Fremdsprachenunterricht in der Schule begegnet. Leichte Sprache geht noch einen Schritt weiter. Sie wurde extra aus Gründen der Inklusion entwickelt, besteht aus noch kürzeren Sätzen und weist Schreibungen auf, die wir so im Standardgebrauch nicht finden würden. “Fremdwort” würde man in Leichter Sprache beispielsweise “Fremd-Wort” schreiben und Bezeichnungen wie “öffentlicher Nahverkehr” für ein besseres Verständnis in “Bus und Bahn” umwandeln. Einige offiziellere Seiten wie das Bundesministerium oder auch unsere Stadtbibliothek hier in Leipzig bieten die Inhalte ihrer Websites mittlerweile auch in Leichter Sprache an. Wer sich genauer darüber informieren will, dem kann ich den Ratgeber des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales empfehlen.


Wie funktionieren Bücher in Leichter Sprache?

Dass es für Leichte Sprache ein ganzes Regelwerk gibt, zeigt, dass es mit einer schnellen Laienübersetzung nicht getan ist. Mittlerweile gibt es sogar eigene Verlage für Bücher in Leichter oder Einfacher Sprache. Um ein wenig mehr darüber zu erfahren, habe ich dem Spaß am Lesen Verlag ein paar Fragen gestellt. Der Verlag übersetzt und veröffentlicht Bücher und Zeitschriften in Einfacher und Leichter Sprache und verschafft so möglichst vielen Menschen Zugang zu Informationen und zur Literatur.

1. An wen richten Sie sich mit ihrem Verlag?

Rund 7,5 Millionen Deutsche sind funktionale Analphabeten: Sie können nur mit Mühe lesen und schreiben. Herkömmliche Bücher und Zeitschriften bleiben diesen Menschen deshalb verschlossen. Die Gruppe von Menschen mit einer gravierenden Lese- und Schreibschwäche ist in Deutschland viel größer, als allgemein angenommen wird. Dazu gehören unter anderem Menschen mit einer schweren Lese-und Schreibschwäche, mit einer geistigen Behinderung und Menschen, die Deutsch als Fremdsprache lernen.

Darüber hinaus ist die Lesekompetenz von rund 13 Millionen Deutschen schwach: Sie sind während ihrer Schulzeit nicht über ein niedriges Leseniveau hinausgekommen oder müssen das Lesen zum Beispiel nach einem Schlaganfall wieder ganz neu erlernen. Die Folge: Rund 20 Millionen Deutsche lesen so gut wie gar nicht.

Ein niedriges Leseniveau wird jedoch in unserer heutigen Gesellschaft kaum noch akzeptiert. Arbeitsmarktexperten sagen voraus, dass im Jahr 2020 nur noch elf Prozent aller Jobs mit Arbeitnehmern besetzt werden, die schlecht lesen. Ein erheblicher Teil der Bevölkerung in Deutschland wird somit in wenigen Jahren keine Chance mehr auf dem Arbeitsmarkt haben!

2. Bei Leichter Sprache geht es vor allem um Inklusion. Ich habe häufiger die Kritik gehört, dass man es sich damit zu leicht mache, die Übersetzungen beispielsweise von Schülern genutzt werden könnten und Menschen mit Leseschwierigkeiten durch Leichte Sprache den Anreiz verlieren könnten, “richtig” lesen zu lernen. Wie sehen Sie das?

Ich bin noch nicht lange genug “im Geschäft”, um stichhaltig etwas dazu sagen zu können. Meine Ansicht ist, dass grundsätzlich jeder erst einmal Interesse oder Neugier hat an neuen Dingen, Informationen, Büchern etc. Daraus schließe ich, dass niemand dauerhaft “unter seinem Niveau” lesen wird. Sind die Grundlagen für ein gutes Textverständnis gelegt, wird vermutlich jeder zu normalsprachlicher Lektüre greifen.

3. Wo liegen die Schwierigkeiten beim Übersetzen? Gibt es Dinge, die in Einfacher Sprache nicht funktionieren?

Einfache Sprache ist zunächst einmal direkte, klare, deutliche Sprache. Das ist kein Manko. Es gibt – eher umgekeht – Dinge, die besonders gut in Einfacher Sprache funktionieren. Kurze Sätze machen den Textfluss temporeich und spannend. Wenn Sie beispielsweise einen Krimi lesen, werden Sie feststellen, dass die spannenden Teile in kurzen Sätzen geschrieben sind.
Hierin besteht vielleicht der wesentliche Unterschied zu Leichter Sprache. Die ist eine Kunstsprache, Einfache Sprache ist eher natürlich, wie gesagt klar und deutlich, und nah an alltäglicher Sprache ohne Slang und ordinäre Anspielungen usw.

4. Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen? Gibt es Bereiche, in denen Sie sich die Integration von Einfacher und Leichter Sprache wünschen würden?

Ich wünsche mir, dass die Inklusion in allen Bereichen des Lebens in die Realität umgesetzt wird. Dazu gehört auch, dass die Option Leichte Sprache auf Internetseiten von Behörden, auf Flugblättern usw. zur Auswahl steht für diejenigen, die darauf angewiesen sind.
Mein Wunsch für Einfache Sprache ist, dass der Bekanntheitsgrad sich erhöht. Denn dann wird Literatur in Einfacher Sprache automatisch mehr verbreitet. Heute morgen hatte ich ein Interview mit einem Lehrer, der selbst eine Fremdsprache gelernt hat und dann auf den hohen Wert von Einfacher Sprache gestoßen ist. Er setzt sich dafür ein, dass an der Schule entsprechende Literatur angeboten wird.

Ich danke dem Spaß am Lesen Verlag für die Zeit und die Beantwortung meiner Fragen!


Wie können wir helfen?

Habt ihr schon einmal von funktionalem Analphabetismus oder Leichter Sprache gehört? Egal, wie die Antwort ausfällt, ich denke, wir können alle dazu beitragen, ein Bewusstsein zu schaffen. Am besten, indem wir zuerst bei uns selbst anfangen. Das bedeutet, wir müssen unsere Sprache reflektieren, um so nach und nach das Stigma abzubauen. Wir können andere auf problematische Äußerungen hinweisen, sie informieren und tragen so hoffentlich dazu bei, dass sich die mehr als 7 Millionen Betroffenen irgendwann nicht mehr schämen müssen, zuzugeben, dass sie wirklich nicht lesen und schreiben können. Falls euch das Thema interessiert und ihr euch weiter informieren wollt, schaut bei iCHANCE vorbei. Die Kampagne des Bundesverbandes Alphabetisierung und Grundbildung e.V. klärt darüber auf, was genau funktionaler Analphabetismus ist, wie man ihn erkennt und wie ihr anderen helfen könnt.

iCHANCE Gewinnspiel

© iCHANCE

Gewinnspiel

Wie im Titel versprochen, gibt es außerdem ein Gewinnspiel im Rahmen der Kampagne. iCHANCE verlost auf ihrer Website 5 Buchgutscheine à 150 € und 15 Buchgutscheine à 50 €. Man merkt außerdem, dass sich iCHANCE auf Bookstagram auskennt, denn ihr erhaltet zusätzlich einen Funko Pop.

Um teilzunehmen, müsst ihr hier bis zum 21. Dezember, 23:59 Uhr, drei Fragen zum Thema Analphabetismus beantworten. Hinweise, mit denen ihr die Fragen beantworten könnt, erhaltet ihr hier.

Alles weitere zu den Teilnahmebedingungen könnt ihr hier nachlesen.


Und wenn ihr den Beitrag bis hierhin gelesen habt, dann habt ihr ebenfalls schon etwas getan und mit eurer Zeit und eurem Mitdenken Betroffenen geholfen – also vielen Dank!

8 Comments

  1. 6. Dezember 2017 / 22:57

    Ein toller und lehrreicher Artikel. Danke, dass du das so super zusammengefasst hast. Ich werde mich da mal genauer mit auseinander setzen, weil ich das Thema und die Umsetzung super spannend finde.

    • Anabelle 7. Dezember 2017 / 14:33

      Vielen, vielen Dank! Das bedeutet mir wirklich so viel!

      Liebste Grüße
      Anabelle

  2. 7. Dezember 2017 / 11:41

    Großartiger Beitrag! Sehr nachvollziehbar aufgerollt und beschreibt in Teilen auf den Prozess, den ich als Germanistin durchlaufen habe. Wenn ich mir vorstelle, wie ignorant ich mal war.. aber glücklicherweise entwickeln wir uns weiter, wenn wir wollen. Das mit den ersten und zweiten Gedanken finde ich besonders gut. Würden wir leugnen, dass keiner von uns je problematische erste Gedanken hat, wären wir wohl nicht ehrlich zu uns. Danke für die vielen Informationen und den Beitrag, liebe Anabelle.

    • Anabelle 7. Dezember 2017 / 14:32

      Liebe Elif,

      vielen Dank für deine Worte! Gerade von dir bedeuten sie mir so viel! Du weißt es ja sicher schon, aber du hast enorm zu meinem Umdenken beigetragen und ich bin dir so dankbar dafür. 🙂

      Liebe Grüße
      Anabelle

  3. 8. Dezember 2017 / 22:03

    Ich finde es super, dass Du diese Thematik aufgreifst!

    Neri, Leselaunen

  4. 12. Dezember 2017 / 21:02

    Vielen Dank für diesen interessanten Beitrag! Irgendwie war das Thema bei mir vorher wirklich nicht so präsent. Ich finde auch, dass jeder etwas tun sollte! Es ist wirklich dramatisch, dass es inzwischen so viele Menschen gibt, die nicht nur nicht lesen können, sondern es auch nicht wollen. Mein Vater hat eine zeitlang Alphabetisierung unterrichtet – da waren teilweise Leute vertreten, die über fünfzig waren…das sollte einem wirklich zu denken geben!

    • Anabelle 13. Dezember 2017 / 11:56

      Liebe Gianna,

      mir war das Thema bis vor kurzem leider auch gar nicht richtig präsent.
      Was das Nicht-Wollen angeht … ich glaube, wenn man da als Kind nicht gut herangeführt wird, ist es leider auch sehr schwer, das als Erwachsener noch ohne Hürden nachzuholen.
      Aber ja, das gibt einem auf jeden Fall einiges zum Nachdenken!

      Liebe Grüße
      Anabelle

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