365: Wenn die Masken fallen – Isabel Kritzer

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Auf einen Blick

Titel: 365: Wenn die Masken fallen
Autorin: Isabel Kritzer
Verlag: Papierfresserchens MTM-Verlag
Seiten: 382
Preis: 15,90€ (Taschenbuch)

Klappentext

Wer wünscht sich nicht ein bisschen mehr Pep, eine Prise Erfolg?

Die Studentin Charlotte Clark nimmt sich vor, in 365 Tagen etwas Außergewöhnliches zu erleben. Immer tiefer gerät sie dabei in einen Sog aus Liebe, Loyalität, Kälte und Lügen. Mit jedem weiteren Einblick in die Welt der High Society und das Firmenimperium ihres Vaters locken Reichtum, Macht und Zugehörigkeit. Doch was geschieht, wenn hinter der Fassade Abgründe lauern? Wo liegt die Grenze zwischen persönlich motivierter, medizinischer Forschung, familiärer Vergangenheit und dem Streben nach Wirtschaftlichkeit?
(Quelle)

Nichts ist, wie es scheint

Wie der Klappentext schon verrät, begleiten wir in 365 das Jahr einer jungen Studentin aus wohlhabendem Hause, die sich zum Studienabschluss hin ihrem Vater und seiner Firma annähert – was eine gewaltige Zäsur in ihrem Leben darstellt und einige Änderungen mit sich bringt.

Ich muss gestehen, dass ich sehr lange gebraucht habe, mich in das Buch einzufinden. Das lag vor allem daran, dass ich mit den Charakteren – allen voran Protagonistin Charly – einfach nicht warm wurde. Der Hauptgrund dafür mag sein, dass ich generell eine Antipathie empfunden habe, da sie ihren Studienalltag als so anstrengend empfindet, wo sie doch noch im Elternhaus wohnt, eine eigene Haushälterin hat und noch dazu nicht einmal arbeiten gehen muss, um sich ihr Geld zu verdienen. Ihr Verhalten und ihre Entscheidungen wirkten oft recht naiv und unselbstständig – was aber auch ganz natürlich ihrem Umfeld geschuldet ist. Diese Naivität stand im Widerspruch damit, dass sie (besonders im Prolog) wie eine absolute Powerfrau wirkte. Zumindest war dies ihr Selbstbild, dass dann immer mehr in Frage gestellt wurde. Einerseits arbeitet sie hart für gute Noten und ist sich ihres Könnens bewusst, andererseits hat sie Angst, vor dem süßen Typ in ihrem Spanischkurs als Streber darzustehen. Das erinnerte eher an das Verhalten eines Mädchens anstatt an das einer erwachsenen Frau.

Zu Beginn des Buches erhält der Leser erst einen ziemlich detaillierten Einblick in Charlys Leben und das Verhältnis zu Familie und Freunden. Mir persönlich war diese Schilderung etwas zu detailliert und das Buch zog sich stellenweise, sodass ich anfangs nicht wirklich wusste, wohin der Plot mich führen soll. Gerade in Hinblick auf den Klappentext habe ich darauf gewartet, dass endlich das „Außergewöhnliche“ passiert, sie in die Firma ihres Vaters und das damit verbundene Machtspiel hereingerät. Das stand jedoch stärker im Hintergrund, als der Klappentext erahnen ließ und spielte somit auch erst in der zweiten Hälfte eine wichtigere Rolle.

Diese zweite Hälfte gefiel mir persönlich auch viel besser, denn ab der Mitte des Romans nahm die Handlung dann wirklich an Fahrt auf und wurde zunehmend spannend. Charly lernt das Imperium ihres unnahbaren Vaters kennen, erlebt auch privat einige Abenteuer und verändert sich dank dieser ziemlich. Ich weiß nicht, wie es anderen beim Lesen ergeht, aber da ich ein eher distanziertes Verhalten zu Charly hatte und mich nicht in sie hineinversetzen konnte, habe ich ihre Handlungen teilweise sehr stark verurteilt. Das muss allerdings gar nicht schlecht sein, da ich so auch wirklich über das, was sie getan hat, nachgedacht habe. Besonders in Hinblick auf Zwischenmenschliches, bei dem sie noch einiges zu lernen hat. Charly ist ein sehr komplizierter Charakter, niemand, den man sich unbedingt zur Freundin wünscht. Im Verlauf des Buches habe ich aber gerade das zu schätzen gelernt. Sie ist sehr vielseitig, steckt in einem stetigen Lernprozess und während man ihre Handlungen und Ansichten reflektiert, denkt man automatisch auch über sich selbst und seine Einstellungen nach.

_mg_7014Das Ende hat mir gut gefallen und gerade der Epilog hat mich auch endlich mit Charly versöhnt. Den Untertitel des Buches „Wenn die Masken fallen“ beziehe ich persönlich auch viel stärker hierauf als auf die anderen Offenbarungen im Buch. Denn Charly befindet sich während der gesamten Geschichte auf einer Suche nach sich selbst, zuerst unbewusst, dann bewusst. Nach einigen harten Rückschlägen und einer Menge Selbstreflexion gelingt es ihr mit dieser letzten Selbstanschauung gegen Ende des Buches, mich doch noch von ihrem Reifeprozess zu überzeugen. Während dieses Reifeprozesses formuliert sie Gedanken, die irgendwie nachklingen und nun mit kleinen Post-its in meinem Buch versehen sind. Nach fast 400 Seiten Suche, hat sie zu sich selbst gefunden und sieht sich endlich klar – oder zumindest klarer; denn Sätze wie “im Gewöhnlichen liegt für mich die Würze des Lebens” beschreiben in der Regel keinen Menschen, der noch nie in seinem Leben eine Waschmaschine bedient oder Betten bezogen hat. Aber vielleicht ist das ja auch eine Botschaft des Buches: Jeder verändert sich in seinem Maßstab, so gut wie er kann, zum Besseren hin.

Was ich außerdem unbedingt noch lobend erwähnen will, ist der Schreibstil der Autorin. Auch dieser hat mich am Anfang irritiert. In dem Buch geht es immerhin um eine junge Studentin und ihren Alltag. Ich bin demnach eher in Erwartung an einen recht lockeren, leichten Schreibstil an das Werk herangegangen und war von der Wortgewalt, die mich erwartete, dann wirklich überrascht. Isabel Kritzer beherrscht Sprache. Das Vokabular in dem Buch geht über das hinaus, was man von einer Geschichte des Genres erwartet. An manchen Stellen wäre es mir lieber gewesen, der Schreibstil wäre melodischer, hätte diese Magie ausgelöst, die man beim Lesen oft erfährt, aber er war eigentlich durchgängig eher sachlich nüchtern. Andererseits hat genau das sicher besser zu der Handlung gepasst und bei mir haben das gehobene Vokabular und die Fachbegriffe das Distanzgefühl verstärkt, sodass ich Charly, ihre Freunde und ihre Familie wirklich als außenstehender Beobachter beurteilen konnte.
Einzig mehr Dialoge hätte ich mir gewünscht, da vieles – wie Charlys Treffen mit André oder ihrem Vater – nur erwähnt wurde und ich persönlich einen besseren Zugang zu den Figuren gehabt hätte, wenn ich sie „hautnah“ hätte kennenlernen dürfen anstatt über Beschreibungen.

Fazit

Wie man sicherlich herausliest, hat mich das Buch hin und hergerissen. Ich hatte einen eher holprigen Start und lange das Gefühl, es gäbe keinen richtigen Spannungsbogen. Ab der zweiten Hälfte mochte ich es dann aber doch – vor allem, weil es mich zum Nachdenken gebracht hat. Ja, die Charaktere haben mich teilweise mit ihren Handlungen wütend gemacht, sie polarisieren. Ich hätte mir wenigstens eine Identifikationsfigur gewünscht. Aber alleine, dass ich am liebsten noch viel weiter ausholen und über die anderen Charaktere des Buches schreiben und diskutieren würde zeigt, dass das Buch eine Wirkung hinterlassen hat und diesen Diskussionsbedarf überhaupt erst bietet.

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2 Comments

  1. 7. Dezember 2016 / 11:46

    Klingt interessant.. habe ein Interview mit Isabel geführt und bin jetzt noch neugieriger auf das Buch geworden.
    Zum Glück hat dir das Buch dann ab der zweiten Hälfte doch noch gefallen.
    Und es ist doch immer toll, wenn ein Buch eine Wirkung hinterlässt. 🙂 Bin gespannt..

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