Interview: Blausteinkriege 2 – Sturm aus dem Süden

img_3838Ich hatte die Ehre, schon vorab eine Leseprobe zu Blausteinkriege: Sturm aus dem Süden lesen zu dürfen. Obwohl es die Sehnsucht nach dem Buch, das am 11. Oktober bei Heyne erscheint, nicht gerade verringert hat, war es interessant mal in ein Manuskript schnuppern zu dürfen. Noch gespannter bin ich darauf, ob sich zu den Seiten im fertigen Buch dann noch einmal etwas verändert hat. Falls ihr euch für die Reihe interessiert, gelangt ihr hier zu meiner Rezension des ersten Bands. Falls ihr diesen bereits gelesen habt, bekommt ihr hier einen ersten Einblick in Band 2.

Die Blausteinkriege: Sturm aus dem Süden beginnt genauso spannend, wie der erste Teil endete. Es wird keine Zeit an eine lange Einleitung verschwendet und endlich war ich wieder mit den großartigen Charakteren vereint – wenn auch noch nicht mit allen, denn einige Charaktere hatten noch keinen Auftritt in der Leseprobe und somit muss auch ich mich leider noch gedulden. Der Einstieg in Teil 2 gefiel mir auf jeden Fall sehr gut und trotz der zahlreichen Charaktere hatte ich keine Probleme, mich wieder in die Geschichte einzufinden. Aber davon könnt ihr euch nächsten Monat ja schon selbst überzeugen! Da ich euch inhaltlich nichts verraten möchte, um die Spannung nicht zu nehmen, waren Tom und Stephan Orgel so nett, mir ein paar Fragen zu den Blausteinkriegen und dem Schreiben allgemein zu beantworten.

Interview, 5 Fragen an T. S. Orgel

Eure Reihe zeichnet sich vor allem durch die vielen, großartigen Charaktere aus. Dann schreibt ihr diese auch noch zu zweit. Ist es schwer, da nicht auch einmal durcheinander zu kommen, Handlungen und Charakter der Figuren immer treu zu bleiben? Oder habt ihr Tricks, damit genau das nicht passiert?

Tom: Ich finde es eigentlich nur selten schwierig. Zum einen sind die allermeisten Figuren Nebenfiguren – zumindest in dieser Geschichte. Das heißt, was das Innenleben angeht, kann sich jeder von uns auf den Blickwinkel von 2 Hauptfiguren (vielleicht gerade noch eine Nebenfigur) beschränken, durch deren Augen der Leser die Welt (und die anderen Figuren) wahrnimmt.

Was die anderen angeht: Erstens nutzen wir ganz gern Schreiber-Kniffe wie z.B: die 3-Merkmale-Regel. Die besagt, es reicht in der überwiegenden Zahl der Fälle, einer Figur neben ihrem Namen 3 Merkmale zu geben. Mehr kann sich ein Leser (oder generell Betrachter – denn so ist es im wirklichen Leben mit Begegnungen auch) ohnehin nur selten merken. Dünn, vogelhaft, knochentrocken – Messer. Hünenhaft, bärtig, flüsternd – Flüster. Klein, glatzköpfig, narbig – Ness. Dunkelhäutig, kurvig, dauerironisch – Xari. Dann verpasst man jeder Figur noch eine typische Formulierung (neudeutsch: catch phrase) oder Eigenheit beim Sprechen, die man gelegentlich einfließen lässt (Ich sag’s wie’s ist) – und schon hat man als Autor wie auch als Leser ein fixes Bild vor dem Inneren Auge, das man nur bei Bedarf mit einigen wenigen Details ausschmücken muss. Was das genau ist – dafür haben wir allerdings tatsächlich eine kleine Datenbank, damit diese Handvoll Details von Band zu Band nicht verloren gehen.

Zweitens: Es hilft, wenn man immer im Kopf behält, dass jede einzelne Figur Held ihrer eigenen Geschichte ist. Das heißt, jeder Einzelne hat ein eigenes Ziel im Leben, seine eigenen Beweggründe – und solange man das im Kopf behält, wird das fast in jeder Szene das Verhalten der Figur beeinflussen, genauso, wie es wahrscheinlich schon die Vergangenheit beeinflusst hat. Der Leser muss nicht unbedingt etwas davon wissen – es reicht, wenn es da ist.

Jede Figur ist Held ihrer eigenen Geschichte.

Und was die Menge der Figuren betrifft: Wir schreiben zu zweit – das macht es einfacher. Ich muss Stephans Figuren nicht im Kopf haben, solange sie keinen Einfluss auf meinen Erzählstrang haben. Das hilft enorm bei der Konzentration auf die eigenen Kernfiguren.

Stephan: Gelegentlich tanzt ein Charakter aber auch schon mal aus der Reihe und entwickelt Eigenschaften oder Merkmale die vorher so nicht geplant waren. Wer z. B. unsere Romanreihe „Orks vs. Zwerge“ ganz genau liest, stellt eventuell fest, dass im ersten Band nirgendwo die Rede von Dvergats Holzbein ist – ganz einfach, weil es da noch gar nicht existierte. Es hat sich in Band 2 einfach so reingeschmuggelt und dort als eines seiner wichtigsten Merkmale entpuppt. Wenn die entsprechende Eigenschaft also passt und die Figur oder Handlung nicht durcheinanderbringt, sollte man sie einfach zulassen. Das kann die Geschichte manchmal sogar ganz gewaltig voranbringen.

_mg_6460Um noch kurz bei den Charakteren zu bleiben: In Blausteinkriege gibt es sehr viele weibliche Figuren, alle davon vielschichtig gestaltet und meinem liebsten Charakter Sara wird sogar ein eigener, großer Erzählstrang zuteil. Ist es schwerer aus der Sicht des anderen Geschlechts zu schreiben, schreibt ihr sie vielleicht sogar anders?

Stephan: Am Anfang hätte ich gedacht, dass es besonders schwierig wird, aber irgendwann habe ich festgestellt, dass man sich darüber gar nicht so viele Gedanken machen sollte. So sehr unterscheiden sich die Geschlechter innerlich gar nicht. Natürlich gibt es aufgrund des Körperbaus und kultureller Entwicklungen Unterschiede die man beachten muss, aber für unsere Heldinnen ist alles möglich: Herrscherinnen wie Ann Revin können genauso weise, herrisch oder intrigant sein wie Männer in der gleichen Position (für das Grobzeug haben sie ohnehin ihre Leibwächter und Krieger) und Frauen wie Sara müssen ihr Weniger an Körperkraft eben durch ein Mehr an Schnelligkeit und Hinterlist ausgleichen (aber das müssen schwächere Männer ja auch – ich meine: Messer sieht ja auch nicht gerade wie ein Herkules aus. Ist er deshalb weniger gefährlich?). Als Autor sollte man sich bei solchen Dingen nicht verkünsteln und Frauen besonders „weiblich“ darstellen wollen. Das wirkt am Ende meistens unfreiwillig komisch.

Für unsere Heldinnen ist alles möglich.

Viel wichtiger finde ich die Reaktion des Umfelds: Wie reagiert der gestandene Krieger, wenn er von einer schwertschwingenden Amazone herausgefordert wird? Lacht er? Fühlt er sich in seiner Kriegerehre beleidigt? Oder was tut der jähzornige Graf, wenn ihn die attraktive Frau vor versammeltem Hofstaat abweist, weil er ein Arschloch ist? Lässt er sich das wirklich gefallen oder nutzt er seine körperliche und vielleicht auch gesellschaftliche Überlegenheit aus, um sich an ihr zu rächen und sie zu demütigen?

Tom: Was die inneren Motivationen und Reaktionen angeht, fällt es mir schwer, gedanklich in männlich und weiblich zu trennen. Natürlich kann man bewusst mit Klischees spielen, um Männer und Frauen zu unterscheiden, aber in der Regel beschränken wir uns darauf, über individuelle Personen zu schreiben (und meistens sind es ja die Personen selbst, die mit den Klischees spielen – bewusst oder unbewusst). Wie jemand innerlich auf eine Situation reagiert, hängt weit mehr an der Person selbst als an ihrem Geschlecht. Die äußere Reaktion dagegen ist meist sehr stark von ihrem gesellschaftlichen Umfeld und entsprechenden Zwängen geprägt. Insofern finde ich das eine auch nicht schwerer zu schreiben als das andere. Oder anders formuliert: Letztendlich sind alle Leute nur Leute.

_mg_4742Beim Lesen des ersten Teils, bin ich auf eure Pinterest-Pinnwand zu den Charakteren gestoßen – superspannend, wie ihr sie euch vorstellt. Pinterest und sogenannte “Mood Boards” werden ja von vielen Autoren zur Inspiration verwendet. Habt ihr weitere Dinge, die euch beim Schreiben inspirieren und was genau lieferte die Inspiration für Die Blausteinkriege?

Tom: Mich (und das unterscheidet Stephans und meine Schreibweise vermutlich am stärksten) inspiriert während der Arbeit vor allem Musik – wobei das extrem szenenabhängig ist. Ich höre beim Schreiben meist einen bestimmten Titel auf Dauerschleife in einer kompletten Szene, um für mich eine ganz bestimmte Stimmung zu schaffen. Die erste Szene mit Messer in Band 1 hatte z.B. das Thema von „Für eine Handvoll Dollar“ als Soundtrack.

Menschen sind Menschen, unabhängig vom „Setting“ bzw. der Welt. Und sie reagieren in der Regel überall gleich.

Daneben habe ich noch ein privates Moodboard mit gesammelten Bildern verschiedener Illustratoren. Deviant Art ist da eine dankbare Quelle für Inspiration – Was die Blausteinkriege angeht z.B. die Stimmung in vielen Bildern des polnischen Illustrators Darek Zabrocki. Nicht so sehr die Motive als die vermittelte Stimmung an sich. Weitere Inspirationen kommen natürlich aus Büchern, Computerspielen, Fernsehserien – und aus dem eigenen Leben. Fast jede Person, der man begegnet und viele alltägliche Begebenheiten eignen sich irgendwann dazu, als Grundlage für eine Figur oder Szene zu dienen. Menschen sind Menschen, unabhängig vom „Setting“ bzw. der Welt. Und sie reagieren in der Regel überall gleich.

Stephan: Musik geht bei mir beim Schreiben selbst gar nicht. Das würde mich viel zu sehr ablenken. Allerdings kann sie mich schon sehr inspirieren. Du glaubst gar nicht, wie viele Buchszenen sich im Verlauf eines Primordial-Konzerts vor dem inneren Auge entwickeln können (der Nebencharakter Stein aus „Orks vs. Zwerge“ hat sein optisches Vorbild übrigens in Tomi Joutsen von der Band Amorphis). Ansonsten nehme ich alles mit, was mir im täglichen Leben, in Büchern, TV oder Kino so begegnet. So genau kann ich das gar nicht bestimmen.

_mg_6462 In der Reihe gibt es, wie der Titel erahnen lässt, ein Mineral namens Blaustein. Dieses kann in Menschen mit magischer Gabe übernatürliche Fähigkeiten erwecken, sogenannte Talente. Wie man an Lebrec sieht, geht es jedoch mit ein paar Nebenwirkungen einher. Würdet ihr Blaustein nehmen? Wenn ja, was wäre wohl euer Talent?

Tom: Würde ich Blaustein nehmen … Schwierig. Ich bin kein Antialkoholiker, kann also nicht behaupten, grundsätzlich keine Drogen zu nehmen, auch wenn es nur der Entspannung dient. Und ich weiß nicht, ob ich der Versuchung widerstehen könnte, wenn die Belohnung groß genug wäre. Gerade weil es auf Tertys ja genug Leute gibt, die recht verantwortungsvoll und über Jahrzehnte damit umgehen können. Ehrlich: Keine Ahnung. Realistisch betrachtet wäre mein Talent vermutlich Erweiterte Prokrastination. Darin bin ich wirklich gut (und wie mir ein weiser Mann während des Studiums damals sagte: Echte Faulheit ist eine Kunst, die heute kaum noch jemand beherrscht). Ich glaube, da könnte ich ungeahnte Höhen erreichen.

Stephan: Ich habe ohnehin schon ein Talent das mir bereits mehr als einmal das Leben gerettet hat. Ich kann nämlich meine Nase von innen verschließen (vermutlich ein Relikt unserer Delphinvorfahren oder so). Wer jemals auf einer öffentlichen Toilette war, weiß … äh, wie dem auch sei. Nein, ich habe wirklich auch gar keine Ahnung. Wie Tom schon sagt, wäre je nach Fähigkeit die Versuchung sicherlich mehr oder weniger groß, etwas damit anzustellen. Da ich mir aus weltlichen Besitztümern nicht wirklich etwas mache, würde ich sie zumindest nicht zur Anhäufung irgendwelcher Reichtümer missbrauchen.

Zu guter Letzt, ohne etwas vom Inhalt vorwegzunehmen: Gibt es eine Szene, die euch beim Schreiben ganz besonders viel Spaß gemacht hat und bei der ihr schon auf die Reaktionen der Leser gespannt seid?

Tom: Was mich angeht: Zwei Szenen ganz besonders. Die erste war knifflig zu schreiben (ich weiß schon, warum ich niemals einen Erotikroman schreiben könnte), aber sie hat das Potenzial, Marten und sein kompliziertes Liebesleben besser zu beleuchten. Die andere begleitet Cunrats erste Erfahrung mit Drogen (und hatte übrigens Kenny Rogers „Just dropped in“ als Schreibsoundtrack). DIE zu schreiben hat sehr viel Spaß gemacht.

Stephan: Ein Teil der Geschichte spielt diesmal in der nördlichen Wildnis, und irgendwie kamen die Ideen dazu beinahe ganz von allein. Für einen Autoren ist so etwas natürlich die reinste Erholung. Und dann gib es da noch gegen Ende des Buches diese Schlüsselszene für Sara, auf die die Beschreibung „ganz besonders viel Spaß“ nicht wirklich passt. Aber ich bin sehr auf die Reaktion der Leser gespannt. Ich denke, Du wirst nach dem Lesen wissen, was ich meine.

T. S. Orgel, LBM, Heyne Fantasynacht

T. S. Orgel bei der Heyne Fantasynacht zur Leipziger Buchmesse 2016, zusammen mit Book Walk

Vielen Dank an Tom und Stephan für das tolle, ausführliche Interview!
Auch wenn ich nach Stephans letzter Antwort nun ein bisschen um Sara besorgt bin – ich freue mich riesig auf die Fortsetzung der Blausteinkriege.

Kennt ihr die Reihe bereits? Oder habt ihr andere Werke der Autoren gelesen? Falls nicht, kann ich es euch nur ans Herz legen!

Habt einen schönen Tag!
Anabelle

3 Comments

  1. 23. September 2016 / 17:18

    Ein tolles Interview! Macht richtig neugierig auf die Reihe – und bringt die Autoren unglaublich sympathisch rüber!
    Da ich bei der Lesung in Leipzig ja auch dabei war und sie mir irrsinnig gut gefallen hat, werd ich mir als nächstes wohl mal Band 1 gönnen!

    Herzallerliebste Grüße und ein fabulöses Wochenende!
    Nana

    • Anabelle 23. September 2016 / 18:58

      Und wir haben uns verpasst! Das macht mich ja immer noch traurig. 😀
      Ja, die beiden sind auch unglaublich sympathisch. Bin gespannt, wie dir die Reihe gefällt.

      Liebste Grüße
      Anabelle

  2. 26. September 2016 / 1:00

    Ach jaa, die Blausteinkriege. Ich bin ein bisschen zwiegespalten. Die Lesung der beiden sowohl auf der Messe als auch bei der Heyne Fantasynacht (ja, war da auch!) waren RICHTIG geil. Aber das Buch selbst … hat mich nicht so umgehauen. Ich sollte es wohl noch mal lesen, bevor der zweite Band raus kommt, hab den immerhin trotzdem vorbestellt ^^ Vielleicht ändere ich ja meine Meinung.

    Schönes Interview! Ware interesante Fragen und Antworten.
    Liebe Grüße vom Buchdrachen

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