Das Manic Pixie Dream Girl und warum wir uns von diesem Trope verabschieden sollten | Spinster Girls

Spinster Girls Anabelle Stehl Manic Pixie Dream Girl

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2011 habe ich eine Hausarbeit über sexistische Tropes in Videospielen geschrieben. Es war das erste Mal, dass ich mich mit Tropes beschäftigt habe. Trope meint hier ein Mittel, dessen man sich bedienen kann, um beispielsweise Plot oder Charaktere zu gestalten. Aufgrund der häufigen Verwendung und soziokultureller Konventionen kann davon ausgegangen werden, dass die RezipientInnen ein Trope auf einen Blick in die richtige Schublade einordnen können. Ein Beispiel dafür wären der Grumpy Old Man oder auch die Jungfrau in Nöten, wie wir sie aus Märchen oder durchs Spielen von Super Mario kennen. Man findet diese Tropes aber nicht nur in Märchen und Videospielen, sondern auch in etlichen Filmen, Serien – und Büchern. Tropes machen ProduzentInnen wie AutorInnen das Leben leichter und obwohl dagegen in erster Linie nichts spricht, können sie, besonders wenn sie nicht erkannt und reflektiert werden, negativ auf die Konsumierenden – also uns – wirken.

In Was ist schon normal?*, dem ersten Teil der Spinster-Girls-Reihe von Holly Bourne, wird das Trope des Manic Pixie Dream Girls thematisiert. Bei den Spinster Girls handelt es sich um eine Gruppe von drei Freundinnen, die in ihrem Spinster-Club Themen wie Feminismus und Sexismus diskutiert. Genau wie Protagonistin Evie hatte ich davon zuvor noch nie gehört. Google spuckt einem recht schnell Bilder von Natalie Portman und Audrey Hepburn aus – wer Garden State oder Frühstück bei Tiffany gesehen hat, hat nun vielleicht schon eine vage Vorstellung davon, was es mit diesem Trope auf sich hat. Ein Beispiel für ein Manic Pixie Dream Girl im Buchbereich ist beispielsweise auch Margo aus John Greens Margos Spuren.

Als ich die Bilder von Garden State und Frühstück bei Tiffany sah, hatte ich zugegeben direkt eine Abwehrhaltung, da es sich dabei um zwei meiner Lieblingsfilme handelt. Ich konnte doch nicht selbst nach mehrmaligem Schauen übersehen haben, dass diese Filme uns Frauen schlecht repräsentieren und unserer Repräsentation vielleicht sogar schaden, oder? Also habe ich den Roman weitergelesen und nebenher noch ein wenig zu dem Trope recherchiert.

„Let’s say you’re a soulful, brooding male hero, living a sheltered, emotionless existence. If only someone could come along and open your heart to the great, wondrous adventure of life… Have no fear, the Manic Pixie Dream Girl is here to give new meaning to the male hero’s life!“¹

Der Begriff Manic Pixie Dream Girl stammt von Filmkritiker Nathan Rabin, der ihn 2007 erstmals benutzte, um Kirsten Dunsts Charakter in Elizabethtown zu beschreiben: „The Manic Pixie Dream Girl exists solely in the fevered imaginations of sensitive writer-directors to teach broodingly soulful young men to embrace life and its infinite mysteries and adventures.”² Die Frauenfiguren sollen ihrem männlichen Gegenpart also die Abenteuer und Mysterien des Lebens näherbringen. Dabei sind die Manic Pixie Dream Girls wunderschön und stets gut gelaunt – aber eben auch selbstständig und unabhängig. Sie rennen dem männlichen Charakter nicht hinterher, oft ist sogar das Gegenteil der Fall, und haben ihr eigenes Leben. Sie sind unkompliziert und immer für verrückte Aktionen zu haben – eine selbstbestimmte Traumfrau eben.³

Das klingt an sich gar nicht so schlecht und meiner Meinung nach ist es auch nicht grundfalsch, sich dieses Tropes zu bedienen. In erster Linie bedeutet dies nämlich, dass sich das Medium zu einem Großteil mit einem weiblichen Charakter beschäftigt und dieser, darüber hinaus, unabhängig und eigensinnig ist. Entgegen der Tropes, die ich für meine Hausarbeit über Videospiele untersucht habe, sind Frauen also schon einmal mehr als nur nett anzuschauende, assistierende Dekoration, sondern besitzen ein Eigenleben. An sich also ein Schritt in die richtige Richtung. Was ist dann aber das Problem?

Spinster Girls

Das Problem ist, dass genau diese Fassade beim genaueren Hinsehen bröckelt. Im Gegensatz zur Jungfrau in Nöten ist das Trope des Manic Pixie Dream Girls auf den ersten Blick nicht offensichtlich sexistisch oder problematisch, sondern erst auf den zweiten oder dritten. Die weiblichen Charaktere werden als unabhängig dargestellt, ja. Aber wenn man sich genauer mit ihnen auseinandersetzt, stellt man fest, dass nicht viel dahintersteckt. Sie werden zwar als unabhängig eingeführt und scheinen eigene Ziele zu verfolgen – diese Ziele werden jedoch nie thematisiert. Bei genauerem Hinsehen stellt man fest, dass die Manic Pixie Dream Girls hauptsächlich existieren, um den Vorstellungen eines Mannes gerecht zu werden, ein Abenteuer für ihn darstellen und ihn in die Mysterien des Lebens einführen – dabei aber gar keinen eigenen Antrieb haben. Sie existieren einzig und allein für einen männlichen Charakter. Das trifft sowohl für Holly (Frühstück bei Tiffany) als auch für Sam (Garden State) zu. Die Frauen machen keine eigene Entwicklung durch, sondern sind lediglich ausschlaggebend für die Entwicklung des Mannes. Über Sam erfahren wir in Garden State beispielsweise nichts Genaueres, kennen ihre Geschichte überhaupt nicht. Sie ist nett anzusehen, stets verfügbar und besitzt all diese verrückten und niedlichen Attribute (und Hamster), sodass man sie einfach mögen muss – aber das war’s dann auch.

„Das Manic Pixie Dream Girl ist hübsch, sich aber dessen eigentlich nicht bewusst. Sie ist auf liebenswerte Weise durchgeknallt und lässt einen sich so richtig lebendig fühlen, aber sie weiß genau, wann sie die Klappe zu halten hat und einen Fußball schauen lassen soll. Sie trinkt Whisky und Bier und stellt null Ansprüche an die Beziehung, weil sie völlig ausgelastet ist mit ihren schrägen Hobbys oder den Bandproben. Sie mag unverbindlichen Sex, aber nur mit dir, nicht mit wem anders.“
Lottie in Spinster Girls – Was ist schon normal?

John Green war sich dieses Tropes beim Schreiben seines Romans bewusst.⁴ Er führt Margo Roth Spiegelman als typisches Manic Pixie Dream Girl ein, dekonstruiert dieses Trope im Verlaufe des Romans jedoch zunehmend. (Achtung, es folgen Spoiler!) Protagonist Quentin sieht in Margo all die Abenteuerlust, die er nicht besitzt und redet sich ein, dass sie ihn auf ihren Abenteuern dabei haben möchte. Er lernt Margo nach und nach immer besser kennen und stellt schließlich fest, dass hinter ihrer skurrilen, draufgängerischen und süßen Fassade ein Mädchen steckt, das Macken hat und in erster Linie ziemlich einsam ist. Die Fassade erhält Margo bewusst aufrecht, da sie Angst hat, dass andere Menschen sie verletzen oder von ihr gelangweilt sein könnten. Am interessantesten ist dabei jedoch, dass Margo – und hier kommt das Eigenleben ins Spiel, das bei echten Manic Pixie Dream Girls fehlt – ihren eigenen Weg geht und dies auch ohne Quentin tun kann und möchte. Während sie in seinem Kopf dem Trope entsprach, stellt sich heraus, dass sie eine eigenständige Persönlichkeit mit eigenen Zielen und Problemen ist und ihn entgegen seiner Erwartungen an ihrer Reise auch nicht unbedingt teilhaben lassen möchte.

“Margo war kein Wunder. Sie war kein Abenteuer. Sie war kein zartes und kostbares Ding. Margo war ein ganz normaler Mensch.“
John Green – Margos Spuren

Mit diesen Worten fasst John Greens Charakter Quentin die ganze Problematik ziemlich treffend zusammen. Tropes wie das Manic Pixie Dream Girl mögen Kunstschaffenden wie -rezipierenden das Leben stellenweise erleichtern, sie lassen aber etwas ganz Essentielles außen vor: die Echtheit. Mit ihr nämlich können wir uns identifizieren und je realer Charaktere und Geschichten wirken, desto eher wirken sie auch auf und in uns. Das Manic Pixie Dream Girl ist für Evie und die anderen Spinster Girls sowie sicher für die meisten von uns ein unerreichbares Ideal. Es stellt Anforderungen an Frauen, deren Erfüllung uns unmöglich ist, ohne uns dabei selbst hintenanzustellen. Und genau wie die Spinster Girls stimme ich vollends damit überein, dass unser Leben nach den Wünschen und Traumvorstellungen eines Mannes auszurichten das Letzte ist, was wir als Mädchen und Frauen tun sollten.

Wenn ihr also selbst schreibt, denkt beim Konzipieren eurer Charaktere vielleicht hieran. Wir brauchen mehr realistische Frauencharaktere mit denen wir uns, mit all ihren Macken, identifizieren können. Und wenn ihr Bücher, Serien, Filme oder Spiele konsumiert, seid euch dieses Tropes bewusst und auch dessen, dass das Manic Pixie Dream Girl, genau wie die Jungfrau in Nöten, nichts ist, was wir als Frauen anstreben müssen oder sollten.

Fallen euch Beispiele in Büchern für Manic Pixie Dream Girls ein? Welche anderen Tropes könnt ihr nicht mehr sehen?

Ich wünsche euch allen einen wunderschönen Tag!

Anabelle

Übrigens: Laut Duden wäre ‘die Trope’ korrekt, allerdings verlangen sie als Plural auch ‘die Tropen’, daher habe ich es hier aus dem Englischen einfach als ‘das Trope’ und ‘die Tropes’ übersetzt. Zum Glück folgt mir der Duden sowieso noch nicht auf Twitter.

_______
Falls euch die Thematik interessiert, könnt ihr hier mehr dazu lesen:

¹ Quelle

² Rabin, Nathan. The Bataan Death March of Whimsy Case File #1 (2007): Elizabethtown (2007). Zum Beitrag

³ Solomon, Claire T. Anarcho-Feminist Melodrama and the Manic Pixie Dream Girl. Comparative Literature and Culture, 19.1 (2017). Zum Online-Artikel

⁴ John Green diskutierte mit seinen LeserInnen schon 2013 in Bezug auf Looking for Alaska über das Trope des Manic Pixie Dream Girls. Zum Tweet

Und wen das Buch interessiert, durch das ich auf die Thematik überhaupt aufmerksam wurde: Der Roman Was ist schon normal? erscheint am 20.07.2018 bei dtv. Mehr Infos erhaltet ihr hier.

Was ist schon normal? Spinster Girls

17 Kommentare

  1. Avatar 3. Juli 2018 / 18:56

    Ich habe die Stelle in “Was ist schon normal?” heute erst gelesen und hatte davor noch nie was von Manic Pixie Dream Girls gehört und auch in diesem Figuren zuerst nichts Problematisches gesehen. Du hast das in deinem Beitrag wirklich toll thematisiert und erklärt. Danke dafür!
    Liebe Grüße
    Charline

    • Anabelle 3. Juli 2018 / 19:04

      Vielen Dank, liebe Charline!
      Ich hoffe, das Buch gefällt dir. 🙂

      Liebste Grüße
      Anabelle

  2. Avatar
    Mewa
    3. Juli 2018 / 21:00

    Ich möchte das Buch so gerne lesen!
    Ich bin auf den Begriff “Manic Pixie Girl” tatsächlich durch John Green gestoßen. Und ich weiß, es geht hier gezielt um Frauen, aber ich finde, es gibt gerade in der New Adult-Literatur einen männlichen Counterpart zu diesem Trope, der genauso unrealistische Ansprüche an Männern stellt. “Margos Spuren” ist eines meiner absoluten – absoluten! – Lieblingsbücher – und Looking for Alaska auch – überhaupt und das lag immer an eben dieser Message, die ich durch den Autoren gelernt habe:
    “What a treacherous thing to believe that a person is more than a person.”
    Ich bin mir auch ziemlich sicher, das Fitzgerald in (Gatsby und) Daisy ebenso (zwei) scheinbare Manic-Pixie-Figuren erschaffen hat, die allerdings im Verlauf des Buches genauso dekonstruiert werden. Da wundert man sich aber doch, wieso dieser Trope dann gerade in der amerikanischen Literatur noch so präsent ist, wenn Great Gatsby gerade als der amerikanische Klassiker schlechthin gilt.

    Jedenfalls – ein richtig, richtig toller Beitrag! 🙂

    • Anabelle 5. Juli 2018 / 7:49

      Stimmt, das wäre auch mal interessant, da eine Liste zu sammeln! Unrealistisch sind die Männerfiguren auf jeden Fall. Ich weiß nur nicht, ob sie so ein richtiges Äquivalent dazu sind, weil sie in der Regel ja als Bad Boys angelegt sind und die Protagonistinnen stellenweise durch die Hölle gehen, bis es dann zum Happy End kommt.

      Das Zitat liebe ich auch absolut.

      Vielen, vielen Dank! 🙂

      • Avatar
        Marcello Francé
        3. Juli 2021 / 15:12

        Hallo Anabelle,

        sehr schöner Artikel. 🙂

        Hoffe, dass ich hier noch nicht zu spät da bin, frei nach Illos Aussprach in Schillers Drama ”Die Piccolomini” über Graf von Isolani im Dreißigjährigen Krieg:

        ”Spät kommt Ihr – Doch Ihr kommt! Der weite Weg,
        Graf Isolan, entschuldigt Euer Säumen.”

        Tatsächlich fällt mir sogar ein sehr gutes Beispiel für ein manic pixie dream boy ein. Und wieder einmal stammt er aus der Feder John Greens. Irgendwie fast ironisch, dass doch fast alle Bücher diesen Topos beinhalten, den Green doch so gerne vermeiden wollte, eine fast schon komische Dualität. Einer Dualität, die ich auch in Bezug auf John Green empfinde (ich werde darauf zurückkommen).

        Ich rede natürlich von Augustus ”Gus” Waters in ”Das Schicksal ist ein mieser Verräter” (The fault in our stars). Matt Patches fasste das damals wunderbar für Vulture zusammen, als er über Gus konstatierte: ”He’s a bad boy, he’s a sweetheart, he’s a dumb jock, he’s a nerd, he’s a philosopher, he’s a poet, he’s a victim, he’s a survivor, he’s everything everyone wants in their lives, and he’s a fallacious notion of what we can actually have in our lives.”

        Diese Projektionsfläche einer Person als quasi unbeschriebenes Blatt mit allen guten Eigenschaften, aber keiner tatsächlich autonomen Persönlichkeit, ist bestimmt einer der bekanntesten topoi in der Weltliteratur.
        Das erinnert mich an einen lateinischen Begriff, virtus. Ich fand virtus schon immer ein sehr spannendes Wort, weil es nicht übersetzbar ist. Was bedeutet virtus und was hat es mit dem manic pixie dream girl/boy zu tun?

        Nun, im Grunde genommen bezeichnete der Begriff eine Art von Tugend, die aber sehr umfassend war. Teile davon sind Treue, Ehre, Mut, Standhaftigkeit, Ehrlichkeit, Charakterstärke usw. Im Alten Rom war diese Charakterkombination mehr oder weniger gleichbedeutend mit Männlichkeit. Das aber bedeutet auch, dass bis auf sehr wenige Fälle (Cicero bspw. benutzt den Begriff paar Mal auf diese Weise) Frauen keine virtus besitzen konnten, Kinder praktisch nie, Sklaven sowieso nicht (weil sie zwar als homo = Mensch, aber nicht als vir = Mann gesehen wurden, geschlechtsunabhängig). Ein freigelassener Sklave wurden zwar stets ein vir, konnte aber dennoch keine virtus besitzen, bestenfalls so wie die Sklaven fides (+/- Treue), was sowas wie ”virtus light” war. An Herkunft war das nicht gebunden, auch tapfere Nicht-Römer wie Germanen und Parther konnten virtus besitzen. Frauen dagegen konnten, wenn sich nicht in diese hypermaskuline Gesellschaft integrierten, kein virtus besitzen, höchstens pudicitia (Schamhaftigkeit).

        Nun ja, vier sieben sechs, Rom war wieder ex. Aber ich denke, dass viel von diesem Denken der klassischen Welt, das ja auch in der Renaissance sein Comeback hatte, bis heute stark unser Denken beeinflusst. Natürlich ist aus heutiger Sicht die Auffassung, dass bestimmte positiven Charaktereigenschaften ipso facto untrennbar mit der ”Männlichkeit” verknüpft ist, extrem machistisch und sexistisch. Dennoch glaube ich, dass gerade diese Verknüpfung es ist, die zur Entwicklung des ”manic pixie dream girl” geführt hat.

        Das fast schon hinterhältige ist, dass das eingestaubte Ideal der ”Schamhaftigkeit” aus römischen Zeiten leicht abgeändert worden ist, und zwar dahingehend, dass inzwischen die entsprechende junge Frau es meist nicht ist und der junge Mann eben schon. Man sollte meinen, dass dieser Tausch der Genderrollen irgendwie feministisch sein müsste (ein sozial inkompetenter Mann versus eine selbstbestimmte und selbstbewusste Frau), aber das täuscht gewaltig. Denn obwohl das manic pixie dream girl nach außen hin eben diese Rolle einnimmt, hat sie doch eine ”klassisch” weibliche Bestimmung: Dem Mann in seinen Schlachten beiseite zu stehen.

        Die Schlachten haben sich jedoch geändert, sie werden nicht mehr auf dem Schlachtfeld ausgetragen. Es sind innere Identitätskämpfe der Männer, die durch das manic pixie dream girl gelöst werden müssen, wobei letzten Endes es doch der Mann selbst ist, der die Schlacht kämpfen muss. Weil die Identität des manic pixie dream girls als unverrückbar perfekt und statisch dargestellt wird, ist sie quasi (sth sth Musil) ”eine Frau ohne Eigenschaften”. Sie ist quasi nur in der Rolle des Statisten, passiv. Obwohl sie wahrscheinlich mEGa QUirkY ist, ist ihre emotionale Tiefe fast null – oder so zumindest wird es uns vermittelt. Das ist Absicht, weil wir uns ja auf den inneren Kampf unseres Protagonisten fokussieren sollen. Im seltenen Gegenfall des manic pixie dream boys ist es ja genauso. Wir wissen quasi nichts über das Innenleben von Augustus Waters, obwohl er selbst ja ein genauso tragisches Schicksal wie Hazel erleidet, und schockierender Weise scheint das kaum einen Leser zu stören.

        Was mich oft wundert in dieser Art von Geschichte ist die Motivation, also weshalb das manix pixie dream girl unserem grübelndem, in – gerechtfertigtem oder ungerechtfertigtenden – Selbstmitleid versunkenen männlichen Protagonisten hilft. Weil das nie erläutert wird, werden wir es wohl nie wissen. Tatsächlich ist da wohl der Wunsch das manic pixie dream girl der Gedanken.

        Ich glaube auch, dass es deswegen eine tiefwirkende negative Auswirkung auf Jungen und Mädchen haben kann, die mit solchen Tropen in Kontakt kommen. Zumindest für mich kann ich es sagen, aber ich kenne das durchaus von anderen, Alex Meyers hat dazu auf YouTube mal einen sehr guten Videoessay veröffentlicht: ‘dating a ”quirky” girl’. Es führt dazu, dass von mentalen Problemen geplagte Jungen sich gut mit den Charakteren und dessen Situation identifizieren können und verstärkt damit einen Negativtrend, der sowieso schon besteht: Statt Hilfe zu suchen, kann sich in diese eskapistische Fantasie geflüchtet werden, dass das mythische MPDG einen doch schließendlich retten möge. Mädchen dagegen zwingt es quasi in die Rolle auf mehreren Ebenen: Einerseits weil das MPDG als sozial wünschenswert angesehen wird, andererseits weil die Ablehnung einer Hilfeleistung wie dieser als unmoralisch wahrgenommen wird. Das darüber hinaus die eigenen Wünsche, Träume und Hoffnungen flöten gehen, wird dabei oft ausgeklammert.

        Als jemand, der selbst eher Nonkonformist (aber auch sozial wenig kompetent) ist, war das für mich als Jugendlicher immer sehr anziehend. Interessanterweise deshalb habe ich John Green so sehr vermieden, wie ich konnte. Denn mir war bewusst, dass er eben diese Charaktere wie die MPDG verwendet, und dagegen wollte ich mich verwehren. Seine Bücher haben mich damals in den Bann gezogen, obwohl ich sie NICHT gelesen habe, und ich wollte nicht den Eindruck vermitteln, dass ich wie andere Teenager sie nur deshalb lesen würde, weil ich einfach einen Ausweg für meine eigenen Probleme suche.

        Rückblickend denke ich, dass ich ihm damit teilweise Unrecht getan habe. John Green ist sich der Problematik durchaus bewusst, wie du ja herausgestellt hast. Allerdings bleibt durchaus die Frage, ob das ausreicht, und da bin ich mir nicht sicher. Ist es denn ausreichend, ein Problem anzusprechen, aber dennoch auf diesen problematischen Prämissen seinen Plot aufzubauen? In Margos Spuren wird das besonders deutlich. Einerseits subvertiert Green durchaus das erwartbare Narrativ am Ende, aber hinterlässt das einen Gesamteindruck, der wirklich deutlich macht, dass das MPDG problematisch ist?

        Wahrscheinlich nicht von ungefähr wurde mir damals oft gesagt, dass viele Leser mit dem Ende unzufrieden sind. Das zeigt natürlich eine klare Erwartungshaltung und wirft die Frage auf, wie viele Leser das Ende a) verstanden haben und b) akzeptieren können.

        Je eine Bemerkung zu Gatsby und internalisierter Misogynie noch: Die Geschichte des großen Gatsbys ist natürlich auf vielen Ebenen interessant, aber der Aspekt des MDPG und dessen Dekonstruktion ist für mich insbesondere im Rahmen der Popularisierung des Buches von Bedeutung. Obwohl der Roman anfangs relativ unbekannt war, wurde er alsbald zu dem ”amerikanischen” Roman schlechthin, v.a. nachdem im 2. Weltkrieg hunderttausende Soldaten ein Exemplar davon hatten. Ich denke, die Lebenserfahrung und das Trauma dieses Krieges hat viele besonders suszeptibel dafür gemacht, wie diese Narrative eigentlich alle fiktiv sind.

        Zur internalisierten Misogynie bleibt mir eigentlich nur noch ”Twilight” und ”50 Shades of Grey” zu sagen. Warum? Weil trotz der vielen Frauen, die für Buch und Regie usw. beteiligt waren, schockierenderweise der ”male gaze” wesentlich ausgeprägter ist als bei vielen männlichen Autoren, insbesondere derer, die sich ihrer Perspektive klarer bewusst sind. Warum ist das so? Letzten Endes bin ich mir dabei nicht sicher. Aber ich denke, dass es problematisch ist.

        Danke noch mal für deinen Beitrag!

  3. Avatar 4. Juli 2018 / 6:03

    Liebe Anabelle,

    meine Güte, und ich fand Manic Pixie Girls ehrlich gesagt immer sehr erfrischend. Nur wie du schon sagst, sie bringen die Story vorwärts, aber nicht sich selbst.

    Danke für den verständlichen und ausführlichen Beitrag.

    Liebe Grüße Tina

    • Anabelle 5. Juli 2018 / 7:50

      Liebe Tina,

      wie gesagt – zwei meiner liebsten Filme fallen auch darunter und ich liebe Frühstück bei Tiffany auch nach wie vor! Aber ich finde es trotzdem immer spannend, über die Charaktere nachzudenken und sich das ins Bewusstsein zu rufen.

      Vielen Dank dir!

      Anabelle

  4. Avatar
    Marcus Hübner
    4. Juli 2018 / 12:58

    Liebe Anabelle,

    ich habe eine ernstgemeinte Frage, weil mich das seit einiger Zeit umtreibt; ich lese deinen Blog ja gerne, da würde mich sehr interessieren, was zu dazu denkst.
    Bei Twitter und FB nehme ich in letzter Zeit vermehrt wahr, dass bestimmte Erzählstränge – die ja von Natur de- und nicht präskriptiv sind – als misogyn, xenophob ober im allgemeinen LGBTTIQ*-unsensibel beschrieben werden. Als Beispiel vor ein paar Tagen bei Twitter eine Buchpassage, in der man zwischen den Zeilen das Urteil der Hauptperson herauslesen konnte oder zumindest wollte, dass homosexuelle Männer nicht “männlich” sein könnten. Du hattest darauf reagiert mit der Aussage: “Wie schafft es so etwas noch durch ein Lektorat?!”
    Jetzt lese ich diesen Beitrag über Tropen, der ja in eine ähnliche Richtung geht: dass bestimmte Dinge nicht einmal beschreibend geschrieben werden dürfen, weil schon der Gedanke bestimmte Rollenmuster und dadurch oppressive Systeme unterstützen.
    Ist das so passend zusammengefasst?

    Nun meine Frage dazu: Nimmt diese Art von Politisierung und Moralisierung der Kunst ihr nicht die schöpferische Freiheit? In dieser ganzen Debatte fühle ich mich sehr an den frühen Dostojewski erinnert, dem die Marxisten, Anarchisten und Sozialisten seiner Zeit, nachdem er “Weiße Nächte” herausgebracht hat – vorschreiben wollten, was er zu schreiben hat; die Kunst habe der Politik quasi als Magd zur Hand zu gehen. Das Ziel kann nicht die Geschichte oder das Kunstwerk an sich, sondern immer nur der soziale Umbruch sein.
    Dostojewski hat sich bewusst und sehr entschieden dagegen gestellt, weil er der Kunst an sich einen Wert zumessen wollte. Dieser Wert liegt in der Schönheit der Geschichte selbst gelegen und wird nicht durch ein vermeintliches “größeres Wohl” (um diesen Wink an Grindelwald mal zuzulassen ;-)) nämlich die moralischen Ziele progressiver Politik der Kunst erst zugemessen.

    Hast du dazu Gedanken?

    Liebe Grüße,
    Marcus

    • Anabelle 5. Juli 2018 / 8:02

      Lieber Marcus,

      ich finde den Tweet gerade nicht mehr, was mich ein wenig ärgert, weiß aber was du meinst.
      Eigentlich unterscheide ich da immer zwischen “Was sagt/denkt ein Charakter” vs. “was ist die Message des Buchs”. Wenn der Satz nur von einem einzelnen Charakter geäußert wurde, der als unsympathisch etc. wahrgenommen werden soll, ist es ja etwas ganz anderes, als wenn die Grundstimmung des Buches so ist, dass sie die Message “schwul = unmännlich” vermittelt.
      Leider ist es oft so, beispielsweise in New Adult, dass solche Aussagen von den Protagonistinnen geäußert werden, also zwar von einem Charakter, diese Protas aber als durchweg positiv angelegt sein sollen. Die vermittelte Message bleibt unkommentiert so stehen und der Charakter, der sie geäußert hat, kommt damit nicht nur weg, sondern hat sogar Erfolg. Das finde ich dann sehr problematisch.

      Und wie gesagt: Frühstück bei Tiffany ist und bleibt einer meiner liebsten Filme. Das ändert sich auch durch das Manic Pixie Dream Girl nicht. Mir geht es ja nicht darum, dass man solche Bücher und Filme nicht lesen oder gucken darf. Ich finde es nur gut, wenn man sich solcher Dinge beim Konsumieren bewusst ist.
      Ich verstehe aber nicht so ganz, was du mit “beschreibend” meinst. Es handelt sich in den Beispielen ja um keine Nebencharaktere, die nur einen geringen Anteil an der Storyline haben.

      Ich kenne mich mit Dostojewski nicht aus, aber um mit Goethe zu kontern: Gute Kunst ist eine Abbildung der Natur. 😉
      Insofern hat es vielleicht weniger mit schöpferischer Freiheit zu tun, als vielmehr damit, wie Charaktere glaubwürdig und realistisch dargestellt werden können – dass sie das nicht immer müssen und es genug Werke gibt, die damit spielen, steht außer Frage.

      Ich glaube auch nicht, dass es darum geht, Kunst nur in Gedanken an ein größeres Wohl zu schaffen. Kunst kann auch nur Unterhaltung sein. Aber, und das ist natürlich meine persönliche Meinung, auch wenn es bloße Unterhaltung ist, freue ich mich, wenn nicht alles heteronormativ dargestellt wird. Denn das ist nicht nur unrealistisch, sondern auch schädigend für alle Personen, die nicht in die Schublade “weiß, hetero, cis-Gender, westlich” fallen.

      Danke für deinen Kommentar!

      Liebe Grüße
      Anabelle

      • Avatar
        Marcello Francé
        3. Juli 2021 / 15:40

        ”Gute Kunst ist eine Abbildung der Natur”

        Die Natur des Menschen ist aber manchmal Böse und die Natur der Geschichte manchmal unmoralisch.

        Ich denke nicht, dass jedes Buch ein Bildungsroman sein sollte, die uns zu besseren Menschen erzieht. Außerdem ist es ziemlich naturalistisch, dass Unrecht nicht bestraft wird und die Welt nicht fair ist (wobei ich nicht der Ansicht bin, dass diese Art der Darstellung per se gut sein muss). Eine ganze Generation ist sogar mit eine Buchserie aufgewachsen, die das verkörpert: Gregs Tagebuch.

        Warum ist die bei Kindern und Jugendlichen so beliebt? Im Gegensatz zur Annahme vieler Erwachsenen, können junge Leute durchaus zynisch sein, und das ist die Buchserie definitiv. Aber viel baut auch darauf aus, dass jemand, der offensichtlich nicht moralisch ist, eben doch Erfolg hat: Nicht immer, das wäre langweilig. Aber ab und zu eben.

        Artemis Fowl folgt einer ähnlichen Prämisse, aber noch radikaler: Artemis Fowl ist anfänglich (scheinbar) uneingeschränkt böse. Nicht nur nicht gut, sondern aktiv böse. Deshalb habe ich diese Buchreihe als Kind so geliebt. Eoin Colfer hat uns Kindern und Jugendlichen nicht dahingehend entmündigt, das wir für den tollen Superhelden sein müssen, der ja ach-so-gut und rechtschaffen ist und die Welt rettet, weil wir ja sonst so traumatisiert und amoralisch würden. Wir hatten die Wahl, mit jemandem zu sympathisieren, der zwar super ist, aber kein Held, sondern ein durchtriebener Schurke, und das habe ich zu schätzen gewusst.

        Katniss Everdeen ist eine Heldin, Severus Snape und Bartimäus Antihelden… aber Artemis ist einfach böse (tatsächlich entwickelt er sich später erst zu einem Antihelden und später zu einem Helden, aber das würde zu weit führen).

        Ich denke, kaum jemand bildet sich sein Weltbild aufgrund irgendeiner Rede irgendeines Charakters in irgendeinem Buch. Klar, es ist durchaus relevant wie bestimmte Darstellungen unser Weltbild festigen können und das das mit Bedacht mitgedacht werden muss, aber dennoch gibt es auch in Büchern allgemein keine eschatologisches Prinzip oder so.

        Zur Diversität stimme ich dir zu, aber es sollte auch darauf geachtet werden, nicht in ”tokenism” zu verfallen, der meiner Meinung noch schädlicher als fehlende Repräsentation wäre. Womit wir in gewisser Weise wieder beim MPDG wären, wo der Kreis sich schließt.

  5. Avatar 4. Juli 2018 / 20:05

    Nachdem ich auf dem LitCamp18 zum ersten Mal überhaupt den Begriff »Trope« gehört habe, finde ich diesen Beitrag hier sehr lesenswert. Gut geschriebener Artikel über ein Thema, von dem ich bislang nicht einmal wusste.

    • Anabelle 5. Juli 2018 / 8:03

      Vielen Dank (und bis zum nächsten LitCamp)! 🙂

  6. Avatar 4. Juli 2018 / 23:49

    Sehr toller Beitrag! Ich habe jetzt schon öfter von “Was ist schon normal?” gehört und das Buch klingt wirklich interessant. Die Problematik des Manic Pixie Dream Girls habe ich bisher noch nie so wahrgenommen. Allerdings mochte ich “Margos Spuren” auch gerade deswegen so gerne, weil Quentin im Laufe der Geschichte feststellen muss, dass Margo eben doch nicht so perfekt ist.

    • Anabelle 5. Juli 2018 / 8:07

      Vielen Dank, Carolin.
      Ich auch – wobei ich genau deshalb das Buch anfangs total nervig fand, wenn ich ehrlich bin. 😀

      Liebe Grüße
      Anabelle

  7. Avatar 11. Juli 2018 / 11:30

    Hallo Anabelle!
    Ich finde, dass ist ein ganz toller Blog Beitrag. Gut zu lesen, gut strukturiert und recherchiert! Klasse 🙂
    Die beiden angesprochenen Filme habe ich (noch) nicht gesehen, aber ich kenne den Trope, den du ansprichst: “Sie existieren einzig und allein für einen männlichen Charakter. Das trifft sowohl für Holly (Frühstück bei Tiffany) als auch für Sam (Garden State) zu. Die Frauen machen keine eigene Entwicklung durch, sondern sind lediglich ausschlaggebend für die Entwicklung des Mannes.” Aber ich wusste nicht, dass es dafür einen Namen gibt! Das finde ich super interessant und ich fühle mich gleich ein bisschen schlauer. 🙂 Danke!
    Um dieses Buch wird so einen Wirbel gemacht, vielleicht sollte ich es mir doch mal holen und nächsten Monat lesen.
    Was ich bei vielen Frauen Charakteren in Büchern/Serien/Filmen nicht mag ist der Trope, dass besagte Frau ein entweder normales oder eben nicht gutes Leben führt und dann verliebt sie sich in einen Typen und Schwups wird alles gut/anders/besser. Ja, Männer sind toll. Ja, Liebe ist toll. Aber ich mag diese Botschaft nicht (die lese ich manchmal da raus, es kommt aber dann noch genauer auf den Kontext und die jeweiligen Charaktere an), dass Frauen Männer brauchen, um glücklich zu sein. Oder eine Beziehung. Glück geht auch ohne.
    Oder wenn Mädchen/Frauen nie lange Single sind (bei Teenie Serien wie Pretty Little Liars z.B. ganz schlimm. Wie lange waren Hanna/Aria mal Single zwischen den Beziehungen/Flirts? Gefühlt keine fünf Folgen am Stück.Ständig stand der nächste LI vor der Tür.)
    Über das Thema könnte man noch so viel mehr schreiben und es regt zum Nachdenken an!
    Viele liebe Grüße,
    Yvonne

  8. Avatar 17. Juli 2018 / 23:46

    Liebe Anabelle,

    ich hab den Begriff tatsächlich noch nie vorher gehört und hätte ebenfalls wie du wahrscheinlich nicht erkannt, was eigentlich dahinter steckt.
    Es ist natürlich interessant zu sehen, dass eine aufgeweckte, verrükte, junge Frau nicht gleich unabhängig ist. In erster Linie fällt man dann doch automatisch auf die vordergründliche, oberflächliche Aussage rein.
    Ein sehr interessanter Artikel, der mir auf jeden Fall die Augen ein wenig öffnet!

    Liebste Grüße,
    Jenny

    • Anabelle 18. Juli 2018 / 14:52

      Liebe Jenny,

      danke dir für die lieben Worte.
      Mir ging es genauso!

      Liebe Grüße
      Anabelle

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