Was ich von Michael Ende gelernt habe | Momo & Die unendliche Geschichte

Was ich von Michael Ende gelernt habe | Momo & Die unendliche Geschichte

Wer niemals ganze Nachmittage lang mit glühenden Ohren und verstrubbeltem Haar über einem Buch saß und las und las und die Welt um sich her vergaß, nicht mehr merkte, dass er hungrig wurde oder fror –

Wer niemals heimlich im Schein einer Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen hat, weil der Vater oder die Mutter oder sonst irgendeine Person einem das Licht ausknipste mit der gutgemeinten Begründung, man müsse jetzt schlafen, da man doch morgen so früh aus den Federn sollte –

Wer niemals offen oder im geheimen bitterliche Tränen vergossen hat, weil eine wunderbare Geschichte zu Ende ging und man Abschied nehmen musste von den Gestalten, mit denen man gemeinsam so viele Abenteuer erlebt hatte, die man liebte und bewunderte, um die man gebangt und für die man gehofft hatte, und ohne deren Gesellschaft einem das Leben leer und sinnlos schien –

Wer nichts von alledem aus eigener Erfahrung kennt, nun, der wird wahrscheinlich nicht begreifen können, was Bastian jetzt tat.
– Michael Ende, Die unendliche Geschichte

Kennt ihr diese Worte noch? Wecken sie in euch auch direkt Erinnerungen? Falls ja, klickt mal in den Beitrag rein, denn mich hat eine wunderschöne neue Ausgabe der unendlichen Geschichte erreicht, die mich direkt in Erinnerungen hat schwelgen lassen.

Ich lese selten Kinderbücher. Die Werke gehörten für mich lange Zeit einfach in meine Kindheit und ich hätte sie wohl auch nicht wieder angerührt, wäre mir da nicht ein Seminar in Kinder- und Jugendliteratur in die Quere gekommen. Von Winnie Pooh bis hin zu Michael Ende stand alles Mögliche auf der Liste – genau genommen 22 Titel, wie auch immer das neben all den anderen Kursen zu schaffen sein sollte. Neben zwei Jobs und all den anderen Seminaren und Modulen hat mich diese Liste unter enormen Zeitdruck gesetzt. Letzten Endes habe ich es auch nicht geschafft, alle Titel zu lesen – ein Buch auf der Liste hat mir in all dem zeitlichen Druck jedoch vor Augen geführt, das Zeit letzten Endes nur das ist, was wir daraus machen. Dieses Buch war Momo.

Ich hatte Momo nie zuvor gelesen und weiß daher nicht, wie es auf mich in jungen Jahren gewirkt hätte. In diesem Moment aber, kam es genau zur richtigen Stelle. Und nachdem ich Momo begeistert verschlungen hatte, musste auch Die Unendliche Geschichte von Michael Ende gelesen werden. Diese beiden Werke sind mir nach dem Seminar besonders in Erinnerung geblieben und ich denke noch heute oft an Szenen und Zitate zurück.

Da ich von Thienemann-Esslinger gerade die neue, wunderschön illustrierte Ausgabe von Die Unendliche Geschichte zugeschickt bekommen habe, habe ich mich an das Lesen vor ein paar Jahren während meines Studiums zurückerinnert gefühlt und wollte noch einmal Resumé passieren lassen, was mich die Bücher von Michael Ende gelehrt haben. Es wird also keine Rezension geben – die gibt es zu den Werken ja zu Hauf –, sondern viel eher ein persönliches Fazit, wieso es sich für mich lohnte, die Titel zu lesen und weshalb ich sie unbedingt wieder einmal lesen muss. Gerade für die wunderschönen Illustrationen von Sebastian Meschenmoser lohnt es sich, Die Unendliche Geschichte noch einmal in die Hände zu nehmen.

Die unendliche Geschichte

Wie die unendliche Geschichte mich lehrte, meine Phantasie zu lieben

Ich bin überhaupt nicht introvertiert, werde aber trotzdem oft als ruhige Person wahrgenommen. Dabei passt hier definitiv Stephen Hawkings Spruch “Quiet people have the loudest minds” – denn in meinem Kopf ist eigentlich ständig eine Menge los. Das war schon immer so und hat mich schon als Kind von vielen Dingen abgelenkt und dafür gesorgt, dass neben der normalen Welt noch meine ganz persönliche mitlief. Während ich als Kind vollkommen okay damit war und auch jetzt im Reinen damit bin, gab es eine Zeit, in der das Ganze für mich nicht normal war. In Büchern abzutauchen, seinen Phantasiewelten nachzuhängen – all das ist als Teenager nicht gerade cool.

Heute bin ich unendlich dankbar dafür. Wir leben in einer lauten Welt und ich glaube, für Menschen wie mich sind Geschichten – sei es in Form von Büchern, Videospielen oder eigenen Ideen – eine Ausflucht, auch als ruhiger Mensch in dieser lauten Welt klarzukommen. Die unendliche Geschichte im Alter von 22 Jahren noch einmal zu lesen, hat das Ganze für mich irgendwie besiegelt. Bastian wächst in Phantásien über sich selbst hinaus, legt seine Schüchternheit ab und wird zunehmend stärker. Und ich glaube, genauso ging es mir auch. Durch das Erdenken phantastischer Welten mag man sich manchmal seltsam vorkommen, doch letzten Endes haben wir genau wie Protagonist Bastian das große Glück, dass uns mehr als die bloße Realität zur Verfügung steht.

Wir sehen hinter die Dinge und machen das Gewöhnliche zum Außergewöhnlichen. Michael Ende hat mir gezeigt, dass ich diese beiden Welten – Realität und Phantasie – genau wie Bastian vereinen kann. Dass ich, auch als Erwachsener, meine Phantasiewelt nicht aufgeben muss. Dass mich die Abenteuer, die auf Papier und in meinem Kopf stattfinden auch im echten Leben stärker machen.

Warum ich mir für Momo immer und immer wieder Zeit nehmen sollte

Momo hat eine ganz besondere Fähigkeit: Sie ist eine außerordentlich gute Zuhörerin. Aus diesem Grund ist sie in dem Dorf, in dem sie lebt, sehr beliebt und alle vertrauen sich ihr an. Das ändert sich jedoch, als die grauen Herren auftauchen. Diese wollen den Menschen die Zeit stehlen und sehen in Momo eine Gefahr für ihr Vorhaben, weshalb sie beschließen, sie aus dem Weg zu räumen.

Michael Ende hat mit Momo ein Werk über Entschleunigung geschaffen, bevor das Wort oder Dinge wie #DigitalDetox überhaupt diskutiert wurden. Ich habe das Buch als Kind nie gelesen und kann es deshalb nur aus der Sicht einer Erwachsenen beurteilen. Aber es kam genau zur richtigen Zeit. Und ich sollte es dringend mal wieder lesen. Denn wenn Momo eines kann, dann mich immer und immer wieder daran erinnern, worauf es wirklich ankommt und worauf ich meine Zeit wirklich verwenden sollte.

In meinem Leben braucht es keine grauen Herren, die mir die Zeit stehlen, denn wenn ich ganz ehrlich bin, bin ich mein eigener grauer Herr.
Indem ich Ja sage, wenn ich eigentlich Nein sagen sollte.
Indem ich mich über Sachen aufrege, die mich eigentlich so gar nicht tangieren.
Indem ich Dinge tue, nicht weil ich es will, sondern weil es Gewohnheit ist.

Wenn es euch auch so geht und ihr das Gefühl habt, eure Zeit falsch einzuteilen, dann lest dieses Buch. Egal, wie gestresst ihr seid und wie wenig Zeit ihr eigentlich habt. Momo ist in seiner Message so simpel und doch schafft es das Märchen immer wieder, mir ins Gedächtnis zu rufen, worauf ich meine Zeit und meine Gedanken eigentlich konzentrieren sollte. Zugegeben, so wirklich gut bin ich darin immer noch nicht. Aber vielleicht heißt das, dass es einfach mal wieder Zeit wird, das Buch zu lesen.

Momo Michael Ende

‘Siehst Du, Momo’, sagte er, ‘es ist so: Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang, die kann man niemals schaffen, denkt man.’
Er blickte eine Weile schweigend vor sich hin, dann fuhr er fort:
‘Und dann fängt man an, sich zu eilen. Und man eilt sich immer mehr. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man strengt sich noch mehr an, man kriegt es mit der Angst zu tun, und zum Schluss ist man ganz aus der Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem.
So darf man es nicht machen!’

Er dachte einige Zeit nach. Dann sprach er weiter:
‘Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst Du? Man muss nur an den nächsten Schritt denken, den nächsten Atemzug, den nächsten Besenstrich. Und immer wieder nur den nächsten.’
– Michael Ende, Momo

Habt ihr Bücher aus eurer Kindheit als Erwachsener noch einmal gelesen? Nehmt ihr sie heute anders wahr? Können sie euch immer noch Dinge beibringen?
Lasst es mich in den Kommentaren wissen, ich bin gespannt, welche Werke euch auch heute noch begleiten!

6 Kommentare

  1. Avatar 18. August 2019 / 21:48

    Hallo 🙂
    Hach, die unendliche Geschichte. Es ist mein liebstes aller Lieblingsbücher überhaupt. Ich habe es verschlungen und inzwischen auch zwei Ausgaben im Regal stehen.
    Die neuen Auflagen möchte ich auch noch unbedingt haben. ♥
    Ich bin allgemein ein großer Fan von Michael Ende, auch noch Jahre über seinen Tod hinaus.
    Er ist und bleibt mein Lieblingsautor.

    Liebe Grüße und einen schönen Abend,
    Melanie

    • Anabelle 20. August 2019 / 8:02

      Hi Melanie,

      da kann ich dir nur zustimmen, er hat so besondere Welten erschaffen und ich finde es total schön zu sehen, wie sie bis heute nachwirken. 🙂

      Liebe Grüße
      Anabelle

  2. Avatar 20. August 2019 / 20:28

    Dankeschön für diesen ganz ganz wundervollen Beitrag liebe Anabelle.
    Ich muss ja zugeben, dass ich noch kein einziges Buch von Michael Ende gelesen habe, dein Beitrag es aber geschafft hat, mich vor allem für Momo zu begeistern.
    All die Aspekte, die du an diesem Buch zu schätzen weißt, beschäftigen mich aktuell mehr als mir lieb ist. Daher ist es mit Sicherheit eine gute Herangehensweise, die Dinge mal auf eine andere Art und Weise zu betrachten. Danke für den Tipp!
    Und wie schön ist bitte die Ausgabe von “Die unendliche Geschichte”? Wow, einfach ein echter Hingucker!
    Liebe Grüße
    Philip

  3. Avatar 21. August 2019 / 12:10

    Ich lese die Kinderbücher von Erich Kästner noch heute ab und zu. Die Geschichten sind einfach schön und sein Schreibstil ist für mich als Texterin eine Inspiration: simpel ohne Firlefanz.

  4. Avatar
    Hilde
    27. August 2019 / 20:24

    Hallo Annabelle,

    Die unendliche Geschichte und Momo sind DIE beiden Bücher meiner Kindheit und ich freue mich sehr, daß sie auch eine Generation später noch immer begeistern.
    Ich habe diese Bücher als Kind in den frühen 80ern gelesen (teilweise tatsächlich heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke, hihi) und habe erst Jahre später begriffen, wie sehr sie mich doch geprägt haben.

    Ich habe mit Atréju um Artax geweint und bin mit Bastian aud des Löwen Rücken über die bunten Sanddünen geritten. Aber was wirklich prägte, war die Erkenntnis, daß ‘tu was du willst’ nicht heißt, das Du tun sollst, was Du gerade vielleicht sehr begehrst, sondern daß Du ganz tief in Dich hineinhorchen mußt, um zu erkennen, was Du WIRKLICH willst.

    Was mich zu diesem Kommentar aber bewogen hat, war die Textstelle aus Momo, die Du herausgesucht hast, denn es war genau diese Lebensweisheit von Beppo, die haften blieb: Mache stets einen Schritt nach dem anderen, denn sonst erreichst Du dein Ziel entweder nie, oder nur völlig abgehetzt. (Um es mal kurz zu fassen)
    Und immer, wenn ich mal wieder zu schnell zu viel will, habe ich Beppo vor Augen, wie er auf seinen Besenstiel gelehnt auf die Straße schaut, um dann in aller Ruhe weiter einen Besenstrich nach dem anderen zu machen. Bilder, die beim lesen vor dem inneren Auge entstehen und sich für immer einprägen.
    Bis heute. 🙂

    Ich habe diese beiden Bücher, ebenfalls wie alle anderen Bücher meiner Kindheit noch immer in meinem Bücherschrank stehen.
    Es wird Zeit, sie mal wieder zu lesen.

    Vielen Dank für deinen schönen Beitrag!
    Liebe Grüße
    Hilde

    • Anabelle 30. August 2019 / 17:46

      Hallo Hilde,

      oh, diese Momente mit der Taschenlampe kenne ich auch noch zu gut. Ich finde es auch klasse, dass es Bücher gibt, die über Generationen hinweg so begeistern und dann auch noch eine Message haben, die nach wie vor so wichtig und aktuell ist.

      Gerade diese Stelle berührt mich auch immer wieder und ich sollte sie mir viel häufiger ins Bewusstsein rufen. 🙂

      Liebe Grüße
      Anabelle

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