Wie weit darf Forschung gehen? | Die Reise – Marina J. Lostetter

Wie weit darf Forschung gehen? | Die Reise – Marina J. Lostetter

Die Reise – Marina J. Lostetter

Verlag: Heyne
Erschienen am: Februar 2019
Original: Noumenon
Übersetzung: Irene Holicki
Seiten: 560
Preis: 11,99 €

Zum Inhalt

Wir schreiben das Jahr 2088 und haben endlich die Möglichkeit, in die unergründeten Tiefen jenseits unseres Sonnensystems zu reisen. Astrophysiker Reggie Straier entdeckt einen seltsam blinkenden Stern, der sich nicht an die Gesetze der Physik zu halten scheint und erhält ein Team sowie die finanziellen Mittel, um dieser Anomalie auf den Grund zu gehen. Die Vermutung: Bei dem Stern könnte es sich in Wahrheit um ein nicht von Menschen geschaffenes Objekt handeln. So beginnt eine kostspieliges, mehrere Jahrhunderte andauerndes Projekt. Um dessen Gelingen zu gewährleisten, stellen die hellsten Köpfe der Weltbevölkerung ihre DNA zur Verfügung. Die Noumenon, das Raumschiff, das zur Erkundung gebaut wurde, soll von Klonen der menschlichen Elite besiedelt werden. Die Besatzung soll sich nicht natürlich fortpflanzen, sondern in regelmäßigen Abständen neu geklont werden, damit die unkontrollierbare Reise möglichst kontrollierbar wird. Doch mit der Zeit stellt sich heraus, dass den Menschen mehr ausmacht, als sein genetischer Code …

Wie weit darf Forschung gehen?

Dieser Beitrag erscheint im Rahmen einer Reihe von Beiträgen zu Die Reise von Marina J. Lostetter. Die Themen, die ihr noch einmal am Ende des Beitrags sehen könnt, fassen eigentlich schon gut zusammen, was mir an dem Buch so unglaublich gut gefallen hat. Die Autorin deckt eine große Bandbreite an aktuellen Themen ab und baut sie realistisch und spannend in ihren Sci-Fi-Roman ein. Sie erschafft nicht nur eine interessante künstliche Intelligenz (KI), sondern nutzt das außergewöhnliche Setting der mehrere Jahrhunderte andauernden Reise durchs All, um alle möglichen gesellschaftlichen Szenarien durchzuspielen. Das schafft sie so überzeugend, dass ich einfach nicht mit dem Lesen aufhören konnte, wie ich auch schon einmal ausführlicher berichtet habe.

Dass ich das Buch gelesen habe, ist nun schon eine ganze Weile her. Im Februar erschien die deutsche Übersetzung und selbst jetzt, fast ein Jahr, nachdem ich die Geschichte gelesen habe, ist sie mir noch in deutlicher Erinnerung. Über allem steht für mich die Frage: Wie weit darf Forschung gehen? Es ist eine Frage, die uns im Alltag oft begegnet. In der Regel denken wir dabei an Tierversuche oder die häufig diskutierte Debatte um Designer-Babys. Positiver steht es bei Diskussionen darüber, ausgestorbene Tierarten zurückzubringen oder Fleisch in vitro zu züchten, damit Tiere nicht länger leiden müssen.

Die Reise Marina J. LostetterIn Die Reise ist es die Neugierde der Menschen, die das Unterfangen, den Stern zu untersuchen, überhaupt erst möglich macht. Diese Neugierde ist so groß, dass sie über ethischen Bedenken und moralischen Konflikten steht. So entscheiden sich zum Zeitpunkt des Starts der Reise zwar alle Teilnehmer freiwillig für diese und geben willentlich ihre DNA her – doch wie sieht es mit den Klonen aus? Auf die Originale folgen Generationen über Generationen, die in einem Raumschiff leben und nie Sonnenlicht sehen werden. Sie geben ihr gesamtes Leben und letztlich auch ihre Freiheit und ihren freien Willen für eine Mission, die der Menschheit auf der Erde gilt. Die Erde ist für sie jedoch nur ein weiterer entfernter Planet. Mit der Zeit werden diese Menschen selbst zu Aliens.

Beim Lesen musste ich an das Mars One-Projekt denken, das zu dem Zeitpunkt gerade viel Medienaufmerksamkeit fand. Es sah vor, Menschen zum Mars zu befördern – und das für den Rest ihres Lebens. Bewerber gab es. Doch auch hier stellt sich die Frage: Was dann? Wie wäre es danach weitergegangen? Denn mit Sicherheit hätte sich nach einigen Jahren eine völlig eigene Dynamik entwickelt. Hätte man die nächste Generation gezwungen, auf dem Planeten zu bleiben? Schließlich war eine Rückkehr aus Kostengründen nie vorgesehen. Hätte man all das mit reiner Neugierde rechtfertigen können? Ist es eher zu rechtfertigen, wenn, wie in Die Reise, Klone verwendet werden?

Das Besondere an dem Buch ist, dass es keinerlei Antworten auf diese Fragen gibt. Ganz im Gegenteil, es fördert das Nachdenken, Durchspielen von Möglichkeiten und Aufkommen von Fragen. Ich habe lange mit mir gehadert, ob ich einen Beitrag wie diesen überhaupt schreiben soll. Da er ebenfalls keine Antworten gibt, sondern sich nur mit Fragen beschäftigt. Er passt nicht zu dem, was ich sonst poste, spiegelt für mich aber irgendwie das Buch wider. Und daher, passend zum übergeordneten Thema der Neugierde, würde ich gerne eure Meinung wissen!

Was denkt ihr, wie weit darf Forschung gehen? Wo zieht ihr die Grenze?
Und nehmen wir mal an, das Szenario aus “Die Reise” wäre real: Würdet ihr eine solche Expedition unterstützen? Oder sogar selbst daran teilnehmen?

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