Was ist schon typisch Mädchen? | Holly Bourne – Sexismus überall?

Was ist schon typisch Mädchen? | Holly Bourne – Sexismus überall?

Auf einen Blick

Titel: Was ist schon typisch Mädchen?
Autorin: Holly Bourne
Verlag: dtv
Erschienen: 31. August 2018
Preis: 10,95 €
Seiten: 416

Zum Inhalt

Lottie hat den alltäglichen Sexismus satt. Als sie selbst ihren Schulweg nicht mehr gehen kann, ohne sexuell belästigt zu werden, fasst sie einen Entschluss: Sie wird sich wehren! Einen Monat lang will sie auf jegliche sexuelle Diskriminierung aufmerksam machen, die ihr widerfährt oder von der sie mitbekommt. Dafür startet sie einen Vlog. Das Problem: Sie möchte auf die Eliteuni Cambridge und ihr Vorstellungsgespräch steht kurz bevor. Eine Universität, die traditionelle Werte großschreibt. Wie wichtig sind die eigenen Prinzipien und welche Kompromisse ist sie bereit einzugehen?

Was ist schon typisch Mädchen?

Vielleicht erinnert ihr euch noch an meine begeisterte Rezension zum ersten Teil der Spinster-Girls-Reihe “Was ist schon normal?”. Nun ist vor Kurzem Teil 2 erschienen, für den ich spontan alle anderen Bücher zur Seite legte und ihn in einem Rutsch beendete. Was mir in Band 1 noch fehlte, konnte die Fortsetzung nun mehr als wett machen.

Das hier soll keine normale Rezension werden, da diese auch sehr kurz ausfallen würde: Denn bei Was ist schon typisch Mädchen? stimmt in meinen Augen alles. Das Buch beschäftigt sich mit Alltagssexismus und greift Szenen auf, die jedem Mädchen im Schulalter bekannt sind. Protagonistin Lottie ist ein unglaublich starker und faszinierender Charakter, der sich mit der Ungerechtigkeit nicht zufriedengeben will. Damit ist sie ein großartiges Vorbild für alle Leserinnen, das steht außer Frage. Was Autorin Holly Bourne jedoch macht, ist einen Schritt weiterzugehen und die Folgen des politischen Aktivismus aufzuzeigen. Denn Lotties Aktivismus scheint ihre schulische Zukunft zu gefährden, ihre Mitschüler halten das Ganze ohnehin für übertrieben und “Feminazi” ist noch der freundlichste Begriff, mit dem sie online bezeichnet wird.

Ich finde diese Darstellung und das gesamte Buch so wichtig, da deutlich wird, dass es nicht immer einfach ist, das Richtige zu tun und dass man manchmal – so weh es auch tut – klein beigeben muss, um sich selbst zu schützen. Um Energie zu sparen für die Kämpfe, die es wirklich zu kämpfen gilt – und die spielen sich eben nicht immer auf Twitter ab.

Ich kann das Buch vorbehaltlos empfehlen und wünschte, ich würde mehr junge Mädchen kennen, denen ich es als Geschenk in die Hand drücken kann. Lottie und die anderen Spinster-Girls sind Vorbilder, wie ich sie gerne in den Jugendbüchern gehabt hätte, die ich damals las.
Spinster Girls Holly Bourne

Ein Tag im Leben von Spinster Girl Lottie

Da Lottie es sich in Was ist schon typisch Mädchen? zur Aufgabe macht, einen Monat lang bei jeglichem Sexismus auf eine Plastiktröte zu drücken, wollte ich das Ganze in abgewandelter Form nachmachen – ohne Tröte, sondern eher um mich selbst zu sensibilisieren als andere. Und auch nur einen Tag anstelle eines ganzen Monats. Ich bin eben nicht so cool wie Lottie. Das Ergebnis seht ihr im Folgenden – es war tatsächlich viel, viel mehr, aber damit es nicht eskaliert, hier nur ein paar Ausschnitte:

Morgens, wenn ich mich für die Arbeit fertigmache, höre ich meist Hörbücher. So hörte ich gerade Selection von Keira Cass – was die feministische Grundeinstellung angeht, kann man das Buch vermutlich ohnehin vergessen. Und wahrscheinlich sollte ich mir an die eigene Nase fassen, dass ich das Buch gehört habe, obwohl ich genau wusste, dass ich mich über mehr als eine Stelle aufregen würde. Lottie hätte zumindest so laut und anhaltend getrötet, dass ich vom Text nichts mehr verstanden hätte. Zum einen ist Protagonistin die typische Mary Sue ohne Ecken und Kanten, zum anderen ist die Gesellschaft in der sie lebt absolut sexistisch – aber gut, ist ja auch eine Dystopie. Problematisch ist eher, dass America, zumindest in Teil 1, so gar nichts tut, um sich dem zu widersetzen. Gut, sie trägt mal ganz rebellisch ‘ne Hose, aber insgesamt ordnet sie sich den männlichen Charakteren durchweg unter, klammert sich “schwächlich” an sie und auch ihr Freund würde lieber verhungern, als Essen von ihr, einer Frau anzunehmen. Schließlich ist er ja der Versorger und so. Ist klar.

Auf dem Weg zur Arbeit habe ich mir die Werbeplakate genauer angesehen. In Was ist schon typisch Mädchen? bewirft Lottie ein sexistisches Plakat mit einer Sahnetorte und ich hätte für den Weg von Wedding zum Alexanderplatz so einige Torten gebraucht. Interessant fand ich aber, dass ich mir irgendwann total unsicher war, was ich jetzt als sexistisch werten sollte und was nicht. Ist eine halbnackte Nicki Minaj auf einem Werbeplakat sexistisch oder ist das einfach ihr Style? Vor ein paar Jahren hat Patrick Rothfuss mal einen Artikel geteilt, den ich leider nicht mehr finde, der zusammengefasst besagte, dass es in solchen Fällen darauf ankommt, wer die Macht über den dargestellten Körper hat: die Gesellschaft und Werbebranche oder die Frau selbst?

Mehr Ausstrahlung durch AugenbrauenAuf der Arbeit angekommen, erwartete mich ein Stapel mit Pressemitschnitten, die ich noch abzulegen hatte. Ganz oben starrte mir eine wundervolle Schlagzeile entgegen, die mir direkt zeigte, worauf es bei unserer Ausstrahlung wirklich ankommt. Bislang dachte ich, auf so was wie Glücklichsein, aber weit gefehlt! Es sind natürlich unsere Augenbrauen. Darunter lag ein weiterer Beitrag, der Stars wie Christina Aguilera und Rihanna sehr unvorteilhaft darstellte und dafür beschuldigte 20 bzw. 11 kg zugenommen zu haben.

Abends wollte ich die Flüge für Weihnachten buchen und habe mich bei Aer Lingus für eines dieser Bonusprogramme angemeldet. Davon abgesehen, dass man bei Gender schon zur zwei Wahlen hatte, war die Security-Frage vorbestimmt mit: Your mother’s maiden name. Der Mädchenname der Mutter. Ein männliches Äquivalent gab es nicht und wenn ich so darüber nachdenke, gibt es nicht einmal ein entsprechendes Wort für “Mädchenname”. Dabei ist es heute gar nicht mehr unüblich, dass Männer bei der Hochzeit den Namen der Frau annehmen.

Fallen euch im Alltag ähnliche Dinge auf oder seid ihr gegen das Meiste mittlerweile schon abgestumpft? Ich werde die Augen auf jeden Fall weiter offen halten, denn vermutlich habe ich Etliches übersehen, einfach, weil ich mittlerweile schon so daran gewöhnt bin.

Schreibt mir gerne, ob euch heute etwas aufgefallen ist und ob euch das Buch interessiert!

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4 Kommentare

  1. 1. Oktober 2018 / 19:47

    Hallo!

    Oh ja, kann ich da nur sagen. Obwohl ich die Spinster Girls noch nicht gelesen habe, merkte ich besonders in den letzten Monaten viel mehr von schlechten Stereotypen und Sexismus, vieles davon auch auf meiner Arbeit. Das beginnt bei Schildern mit Sprüchen zum Frau-sein und Häuslichkeit und endet damit, dass ausschließlich Frauen in der Küchen- und Dekoabteilung arbeiten und nur Männer in Elektronik und Lampen. Vielleicht rege ich mich da auch ungerechtfertigt auf, aber es ist mir so aufgefallen. Und jedes Mal wenn ich einen Kunden mit “Da kann ich Ihnen nicht weiterhelfen” wegschicken muss, ärgere ich mich ein bisschen mehr, weil das diese Rollenbilder nur festigt.

    Ich denke, in ein paar Monaten kann ich meiner jüngeren Schwester die Spinster Girls ans Herz legen, damit sie gar nicht erst den Mist in der Schule mitmachen muss. Vielleicht kann ich es dann auch mit ihr zusammen lesen, damit wir gleich über manche Themen reden können und ich denke, das ganze Erlebnis wäre einfach schön.

    Danke für deinen Beitrag, ich fand ihn sehr schön und finde es toll, dass du darüber bloggst.

    Alles Liebe,
    Friederike.

    • Anabelle
      Anabelle
      Autor
      3. Oktober 2018 / 19:37

      Liebe Friederike,

      vielen Dank erst einmal für deine lieben Worte!
      Die Idee mit dem gemeinsamen Lesen finde ich großartig. 🙂

      Und hab bitte kein schlechtes Gewissen, solche Bilder zu festigen – wir sind ja selbst mit ihnen groß geworden. So was ändert sich nicht von jetzt auf gleich.

      Ganz liebe Grüße
      Anabelle

  2. 2. Oktober 2018 / 12:33

    Hi Anabelle 🙂
    Das ist wirklich ein interessantes Experiment. Ich denke, das mache ich auch mal. Mittlerweile fällt mir einiges auf, aber eher so nebenbei und meistens mache ich mir keine großen Gedanken darüber außer “ew”. Es sind teilweise eben auch Dinge, die so fest verankert sind, dass man sie gar nicht unbedingt als sexistisch wahrnimmt. Ich habe aber schon öfter gedacht, dass ich mehr darauf achten sollte. Vor allem beim Thema Sport ist es mir in letzter Zeit extrem aufgefallen, sowohl im Profisport, als auch in meinem Dorfverein.
    Aber wie gesagt, ich versuche mal, mehr darauf zu achten.
    Danke für den tollen Beitrag 🙂
    Liebe Grüße
    Katja

    • Anabelle
      Anabelle
      Autor
      3. Oktober 2018 / 19:40

      Liebe Katja,

      haha, ja, dieses “Ew” kennt wohl jede von uns.
      Ich werde auch weiter darauf achten. Mit der Zeit fällt einem wirklich immer mehr auf.

      Liebe Grüße
      Anabelle

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