Du wolltest es doch | Louise O’Neill – Aus der Sicht eines Mannes [Gastrezension]

Du wolltest es doch | Louise O’Neill – Aus der Sicht eines Mannes [Gastrezension]

Bevor wir mit der eigentlichen Review beginnen, möchte ich mich kurz vorstellen. Ich heiße Max, bin 24 Jahre jung, Informatiker und sonst eher das Gegenteil einer Frau Stehlblüten, zumindest was Bücher betrifft. Ich habe mittlerweile zwar einen recht großen Teil an Büchern angesammelt, allerdings besteht allein die Hälfte aus historischen Romanen von Rainer M. Schröder oder den Romanen von Clive Cussler, zwei Autoren, die einfach total meinen Nerv für gute Storys treffen. Abgesehen davon habe ich noch ein paar andere Reihen verfolgt, bin sonst aber eher weniger der Büchernarr. Stattdessen lasse ich mich zunehmend inspirieren, lese eher ausgewählte Bücher, nutze die mir dafür bleibende Zeit für spezielle Werke mit besonderen Hintergründen.

So kam ich auch zu diesem Buch. Ich kenne Anabelle nun schon seit mehreren Jahren, und auch wenn wir nicht mehr wirklich regen Kontakt haben, verfolge ich sie gern. Mit ihrer vor einigen Wochen erschienenen Review zu Du wolltest es doch schrieb sie über ein Buch, das sich mit der schon seit langer Zeit beständigen Schuldfrage der Vergewaltigung beschäftigt. Im Voraus kann ich bereits sagen … Louise O’Neill schafft es, dass man sich diese Frage wirklich öfters stellt. Oder sagen wir, man denkt darüber nach. Wertet die Situation für sich. Versucht zu verstehen, nachzuvollziehen, einen neuen Standpunkt zu erarbeiten und sich selbst damit aktiv auseinanderzusetzen. Ein wichtiger Punkt, der mich selbst jetzt noch mit Begeisterung erfüllt und für den ich meinen Respekt aussprechen muss. Denn das schaffen wahrlich nicht alle Bücher. Doch kommen wir jetzt erst einmal zum Plot von Du wolltest es doch

Eine Geschichte, so normal wie abstoßend, wie mitfühlend, wie aufregend.

Unser Ich, in das wir schlüpfen dürfen, ist die bezaubernde und wunderschöne Emma O’Donovan, eine junge Frau aus der fiktiven irischen Kleinstadt Ballinatoom. Zumindest ist das ihre äußere Erscheinung, ihre Wirkung, ihr Image. Sie verkörpert die Art Frau, die sich ihrer Schönheit und ihres Sexappeals mehr als bewusst ist und es genießt, dass alle ihr hinterherschauen, ohne es sich dabei anmerken zu lassen. Wäre Du wolltest es doch eine typische amerikanische Highschool-Show, wäre sie die heißeste Braut am Campus und die oberste Stufe in der Nahrungskette der angesagten Leute.

Doch wie Emma sehr schnell durchblicken lässt (wie passend, dass man in ihr steckt und ihre Gedanken mitliest), ist sie keineswegs ein frommes Unschuldslamm. Sie genießt das Spiel, hat ihren ganz eigenen Charakter und selbst in der Gegenwart ihrer Freunde und Freundinnen wird Zustimmung geheuchelt, rücksichtslos die eigene Meinung aufgedrückt oder unfaire Kommentare abgelassen. Ihre Arroganz wird besonders in den ersten Kapiteln sehr deutlich, sodass man viele Gründe bekommt, sie auch gar nicht erst so sehr mögen zu wollen. Was mich dabei sehr beeindruckt hat, ist, dass sich O’Neill nicht zu weit aus dem Fenster lehnt, um Emma schlecht zu machen. Es gibt immer wieder Momente, wo man sie auch wieder schätzen lernt, sie versteht, hinter ihr stehen kann. Unentwegt spielt sie mit Zuneigung und Ablehnung, Verständnis und Kopfschütteln. Man lernt sie einschätzen zu können und bekommt ein gutes Gefühl dafür, wie sie auf bestimmte Situationen reagiert. Eine gute Voraussetzung, um nach ca. einem Drittel des Buches den Wendepunkt einzuleiten: den Abend, der ihr gesamtes Leben verändern sollte.

Du wolltest es doch

© Max Schiller

Ein Wendepunkt, der die heile Welt ins Chaos stürzte.

Ich werde auf den eigentlichen Wendepunkt nicht zu sehr eingehen, da ich zu viel vorwegnehmen würde. Stattdessen möchte ich mehr auf die eigentliche Frage „Wer trägt die Schuld?“ eingehen, die unweigerlich an diesem namhaften Abend beginnt.
Emma, also quasi wir, tragen an diesem Abend ein sehr freizügiges Kleid. Ausschnitt bis zum Bauchnabel, sehr kurz geschnitten, viel Haut, sexy Körper in sexy Kleid. Ein Anblick, bei dem ich vermutlich selbst nicht hätte widerstehen können zumindest ein paar Sekunden länger hinzuschauen, als nötig wäre. Man mag dieses Outfit als „nuttig“ betiteln (was es von ausgewählten Personen im Buch auch getan wird), aber es zieht zumindest die Blicke auf sich. Und damit schafft sie auch genau das, was sie will. Mittelpunkt sein, auffallen, den Typen gefallen, auf die sie es abgesehen hat.

Was wir an diesem Abend von ihr lernen? Es ist ihre Art. Sie verfolgt keine bösen Absichten, um am Ende des Abends von so vielen Kerlen wie möglich abgeschleppt zu werden, sondern möchte jemanden einfach für sich gewinnen. Auf eine Art, die meinem Geschmack fremder nicht sein könnte, aber die ich zu würdigen weiß. Dabei will sie taffer wirken, als sie eigentlich ist, macht mit, hört nicht auf ihren Verstand. Möchte zu den coolen Kids gehören, die gerne auch mal leicht über die Stränge schlagen.

Was folgt? Fehlende Erinnerungen. Fotos. Kommentare. Abschätzige Blicke. Selbstzweifel. Verwirrung. Mobbing. Absturz von der Spitze quer durch bis zum Abgrund. Da wir selbst ausschließlich in Emma stecken, stehen wir selbst oft vor der Situation, dass wir nicht im Detail wissen, was eigentlich passiert ist. Erst mit der Zeit deckt sich die ganze Geschichte auf, mehr und mehr Details kommen zum Vorschein und man versteht mehr und mehr, wie belastend es für sie sein muss. Die eigentliche Geschichte verschwindet und wir verlieren uns in einem Kopf, der nicht weiß, wie er reagieren soll. Der überfordert ist mit der Situation, nicht mehr so sein kann wie vorher.

Gedanken über Gedanken über „Ich muss es kurz zur Seite legen“ über Gedanken über …

Wenn ich ehrlich bin, ist gerade dieser Abend auch die Stelle im Buch, die den meisten Impact auf den Leser generiert. Da man selbst als „Ich“ in dieser Situation steckt, bekommt man die volle Gewalt ab, mit der auch Emma konfrontiert wird. Das führt unweigerlich dazu, dass es immer wieder zu Momenten führt, an denen man das Buch mal kurz ablegt, zuklappt und nachdenken muss, verarbeiten, was da gerade passiert ist. Ich habe selbst dieses Buch oft auf meinen Pendlerfahrten zur Arbeit gelesen und insbesondere auf der Heimreise bin ich sehr mitgenommen nach Hause gekommen. War ruhig, in mich gekehrt, musste nachdenken über das, was ich da gerade gelesen hatte. Und so geht es immer weiter.

An manchen Stellen war ich aber ebenso aufgewühlt. Wollte sie anschreien, weil ich ihre Reaktionen nicht verstand. Auch das ist wieder ein Punkt, an dem ich Louise O’Neill loben muss. Sie schreibt kein Märchen mit Happy End. Sie stellt sich der bitteren Realität, in der es auch viel öfter als man denkt Niederschläge gibt. Ein Umstand, der das eigene Nachdenken umso mehr verstärkt und man sich selbst fragt: „Hätte ich es in der Situation wirklich besser machen können? Hätte ich so reagieren können wie ich es jetzt gerade denke? Oder wäre ich wie Emma?“

Du wolltest es doch Louise O'Neill

Ein Fazit

Wenn ich etwas über Du wolltest es doch sagen kann, dann dass es den Leser mitreißt. In einen Strudel aus Emotionen, Fragen und Spannung. Es ist keine Geschichte, wie man es erwartet, auch das Ende nicht. Es verfolgt den Leser noch einige Zeit danach und ist kein einfacher Schlussstrich, nachdem man damit abschließt.

Mir persönlich hat es als Gesamtwerk noch umso mehr die Augen geöffnet. Und auch wenn es Vergewaltigung von Männern gibt, die ungeschriebene Wahrheit ist, dass oft wir der Auslöser des Ganzen sind. Und es unsere Aufgabe ist hinzuhören. Einzuschreiten, wenn wir es mitbekommen und nicht tatenlos danebenzustehen. Seine eigenen Grenzen zu kennen. Zu verhindern, dass so ein Leben zerstört wird. Dass der eigentliche Akt vermutlich nicht mal das Schlimmste ist, sondern die Folgen dieser Tat, die psychischen Schäden, die Blicke der Menschen das viel größere und schlimmere Schicksal darstellen. Ich denke, es ist unser aller Aufgabe, zu versuchen so etwas zu verhindern. Aber ebenso sollte es kein Tabuthema mehr sein.

Ich kann mir nur versuchen vorzustellen, wie sehr ein Opfer darunter leiden muss. Ebenso denke ich aber, dass man mit den richtigen Menschen im Leben auch wieder aus dieser Hölle herauskommen kann. Es ist sicherlich kein einfacher Weg, er ist lang und sehr steinig. Aber ich möchte daran glauben, dass es geht.

Schlussendlich kann ich daher nur eine absolute Empfehlung aussprechen, sofern euch dieses Thema nicht emotional zu sehr triggert und alte Wunden aufreißen kann. Es mag schwere Kost sein, aber es lohnt sich. Und damit … danke fürs Lesen, ich verabschiede mich, Max over and out!

P. S.: Nein meine lieben Herren, egal wie Frau sich anzieht, egal wie freizügig sie sich kleidet, man lädt euch werte Herren nicht dazu ein, ein bisschen „Spannung“ abzulassen. Merkt euch das. Nutzt lieber mal euren Kopf und nicht euren Hüftschwung, habt Empathie und lasst den Mist. Oder seid zumindest offen und sagt was ihr wollt, es gibt sicher genug Frauen da draußen, die auch einfach nur mal Spaß haben wollen. Dazu muss man niemanden dazu zwingen, auch wenn sie euch gefällt. Akzeptiert ein Nein, denn Nein heißt auch immer Nein, sonst hätte man dieses Wort nicht erfinden brauchen!

P. P. S.: Lasst uns die Welt zu einem besseren Ort machen! Haltet die Augen offen, schreitet ein, wenn ihr was Verdächtiges seht und fragt zumindest nach. Und wenn dadurch nur ein Leben gerettet wird, sind all die Versuche davor es wert gewesen.

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1 Kommentar

  1. 11. November 2018 / 14:39

    Lieber Max,

    deine Rezension gefällt mir sehr, sehr gut. Das Buch steht schon auf meiner Wunschliste und ich habe das dringende Bedürfnis es sofort zu lesen.
    Ich bin immer auf der Suche nach Büchern, die gesellschaftlich schwierige Themen verarbeiten, ohne vor der Realität zurückzuscheuen.
    Besonders die Sicht auf das Buch aus der Perspektive eines Mannes zu lesen, hat mir gefallen. Da unterscheiden sich die Auffassungen von Frau und Mann nicht sehr.
    Deine Anmerkungen am Ende finde ich großartig. Nein ist Nein. Wie du sagtest, wäre das Wort sonst ja nicht erfunden worden.

    Ich wünsche Dir noch einen schönen Tag.
    Allerliebst,
    Johanna

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