Du wolltest es doch | Louise O’Neill

Du wolltest es doch | Louise O’Neill

Du wolltest es doch

AutorinLouise O'Neill
VerlagCarlsen
OriginaltitelAsking for it
Erschienen amAugust 2018
FormatHardcover
Preis18 €
Seiten368

Das Buch habe ich kosten- und bedingungslos von Carlsen zugeschickt bekommen.
Triggerwarnung: Vergewaltigung

Zum Inhalt

Emma ist wunderschön. Das sagen ihr alle und auch sie ist sich ihrer Schönheit bewusst. Sie genießt es, im Mittelpunkt zu stehen, genießt es, die Aufmerksamkeit aller Jungs zu haben – selbst wenn es sich dabei um den Freund ihrer besten Freundin handeln sollte. Sie ist das Mädchen, das alle sein wollen. Bis auf einer Party plötzlich etwas passiert, das Emma in ein völlig anderes Licht rückt. Sie kann sich nicht mehr erinnern, was passiert ist, nur daran, dass sie mit einem der Jungs ins Schlafzimmer gegangen ist – danach nichts. Aber auf Facebook tauchen Bilder von ihr auf. In offensichtlichen Posen. Mit mehreren Jungs. Nackt. Ihr ganzes Umfeld hat die Bilder gesehen, ihre Familie und Freunde. Aber was hat Emma auch erwartet nach so viel Alkohol und in so einem kurzen Kleid?

Wann trägt ein Opfer Schuld an seiner Vergewaltigung?

Ich wollte Du wolltest es doch lesen, seit ich die Autorin beim Cork World Book Fest kennengelernt habe. Das Thema interessiert mich brennend, das Buch spielt in Cork, meiner Wahlheimat, und allem voran wollte ich es lesen, da die Autorin sagte, sie habe eine Protagonistin geschaffen, der man nur schwer Sympathie abgewinnen kann. Das gepaart mit dem Victim Shaming, das der Titel schon erahnen lässt, versprach mir ein wichtiges Thema, das ich so noch nirgends gelesen hatte.

Wann trägt ein Opfer Schuld an seiner Vergewaltigung? Ob in Klassikern wie in Thomas Hardys Tess of the D’Urbervilles oder unter Hashtags auf Twitter – diese Frage ist vieldiskutiert und steht auch über der gesamten Geschichte in Du wolltest es doch.
Von Beginn an konnte ich Emma nicht leiden. Sie ist arrogant, egoistisch und die wohl schlechteste Freundin, die man sich vorstellen kann. Sie manipuliert ihr Umfeld und schreckt vor nichts zurück, um ihre Popularität zu steigern. Ob sie andere Menschen dabei verletzt, ist ihr egal.

So sehr ich Emma beim Lesen auch verabscheut habe, so dankbar bin ich doch, dass Louise O’Neill den Charakter so angelegt hat. Es fällt leicht, Mitleid zu haben, wenn einem der Charakter sympathisch ist. In diesem Buch widerfährt einem Charakter etwas Schreckliches, bei dem man am liebsten laut “Karma!” rufen würde. Und genau das tut Emmas Umfeld. So unsympathisch Emma auch sein mag, sie ist das Opfer, wird von den anderen Charakteren des Buches jedoch in die Täterrolle gesteckt. Nicht nur, dass keiner ihr Glauben schenken mag, sie wagt es noch, die Leben der jungen Männer zu zerstören, die ohne sie eine so glorreiche Zukunft gehabt hätte. Schließlich sind sie, im Gegensatz zu ihr, anständige junge Menschen.
Du wolltest es doch Louise O'NeillIch möchte nicht zu viel über den Fortgang und vor allem das Ende der Erzählung verraten, aber wie Emmas Familie und vor allem Emma selbst mit der Vergewaltigung und allen ihr folgenden Dingen umgegangen sind, hat mich mindestens genauso aufgewühlt, wie der restliche Inhalt des Buchs. Doch genau das und genau dieses Ende sind es, was das Buch so unfassbar gut und wichtig machen. Ich musste es häufig zur Seite legen, weil es wirklich keine leichte Lektüre ist, und dennoch kann ich es nur weiterempfehlen.

Das Buch greift außerdem die viel diskutierte Partykultur Irlands, insbesondere den Kleidungsstil der feiernden Mädchen, auf. Vor wenigen Monaten war ich in Voodoo, einem der Clubs, der auch im Buch genannt wird. Die Kommentare des Buchs und jene, die ich im Club gehört habe, stimmen zu 100 % überein. Die Mädchen und Frauen kleiden sich freizügiger, sie tragen oft auch im Alltag auffälligeres Make-up und künstliche Wimpern und generell ist die Ausgehkultur eine ganz andere als hier in Deutschland. Erschrocken hat mich nicht dieser Umstand, sondern wie einige der anderen Erasmus-StudentInnen darauf reagiert haben – nämlich genauso abschätzig und bewertend wie es in Du wolltest es doch der Fall ist. Wir müssen endlich lernen, dass Frauen tragen können, was sie wollen und nichts, und zwar wirklich rein gar nichts, rechtfertigt, dass sie gegen ihren Willen angefasst werden.

Wann trägt ein Opfer Schuld an seiner Vergewaltigung? Nie. Wenn dieses Buch auch nur eine Tatsache vermittelt, dann ist es diese. Ich hoffe wirklich, dass das Buch – oder zumindest seine Botschaft – Anklang findet und es Debatten wie diese in der Zukunft nicht mehr geben muss.

Fazit

Du wolltest es doch tut weh. Es legt den Finger auf die Wunde und bohrt mit jedem Kapitel ein Stückchen tiefer. Gleichzeitig will man es beim Lesen nicht aus der Hand legen, weil genau diese schmerzliche Direktheit es so unglaublich wichtig macht.

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Du wolltest es doch Louise O'Neill

11 Kommentare

  1. 26. August 2018 / 14:58

    Eine tolle Rezension. Das Buch interessiert mich auch sehr und das Thema ist ja wirklich wichtig und leider auch sehr relevant. Ich wünschte, man müsste so eine Debatte gar nicht mehr führen. Falls das Buch da einen Teil zu beitragen könnte, wäre das natürlich großartig.
    Das Buch steht auf jeden Fall auf meiner Wunschliste und ich bin schon sehr gespannt darauf, auch wenn es wohl keine angenehme Lektüre wird.
    Liebe Grüße, Julia

    • Anabelle
      Anabelle
      Autor
      27. August 2018 / 21:39

      Liebe Julia,

      das wünschte ich auch.
      Ich hoffe, das Buch “gefällt” dir trotz der Thematik – auch wenn das Wort hier vermutlich nicht angebracht ist.

      Liebe Grüße
      Anabelle

      • 30. August 2018 / 15:14

        Danke schön.
        Übrigens würde ich deinen Beitrag gern in meinem Monatsrückblick verlinken. Ich hoffe, das ist ok.
        LG

        • Anabelle
          Anabelle
          Autor
          30. August 2018 / 17:40

          Natürlich ist das okay – vielen Dank dafür! 🙂

  2. Mewa
    27. August 2018 / 10:56

    Wundervolle Rezension ❤️ Kann sie genau so unterstreichen!

    • Anabelle
      Anabelle
      Autor
      27. August 2018 / 21:38

      Bist du etwa schon durch? Das ging ja auch flott bei dir!

      • Mewa
        31. August 2018 / 14:39

        Ahh, nein, ich war da erst bei S. 150 – hätte “Kann sie >bisher< so unterstreichen" schreiben sollten *facepalm*
        Aber jz bin ich durch und jetzt gilt der Kommentar so wie er steht. XD

  3. 4. September 2018 / 23:54

    Ich habe das Buch kürzlich auch gelesen und kann deinen Gedanken vollkommen zustimmen! Mich hat die Geschichte unglaublich aufgewühlt, weil sie so schmerzhaft direkt ist und ich beschämt feststellen musste, dass ich nicht frei von Vorurteilen bin. Das Ende war dann ziemlich ernüchternd.

    • Anabelle
      Anabelle
      Autor
      6. September 2018 / 8:42

      Niemand ist frei von Vorurteilen, das ist ja nichts, wofür man sich schämen muss. Es ist ein wichtiger und großer Schritt, sich das einzugestehen! Insofern toll, dass das Buch dazu führt. 🙂
      Und ja, das Ende war umso härter.

  4. 10. September 2018 / 11:03

    Liebe Anabelle,
    ich habe in den sozialen Medien so viel über das Buch gesehen, aber mich nie weiter mit dem Buch beschäftigt. Nach deiner Rezension möchte ich das definitiv ändern. Ich finde, das Buch klingt unglaublich bewegend, spannend und wichtig.
    Ich habe ja auch eine ganze Zeit in Irland gelebt und war beim ersten Mal feiern auch geschockt von der gewählten Kleiderwahl der Frauen. Gerade im Sommer sind die Mädels in Dublin teilweise nur in Bikini mit Shorts und Plateaus unterwegs. Ich erinnere mich auch noch gut an eine Fahrt in die Stadt. Ich wollte mit Freunden ausgehen, hatte für meine Verhältnisse ein relativ gewagtes Kleid an und wurde in der Dart von zwei Iren angesprochen. Das Erste, was sie gesagt haben: »Hey, von wo kommst du? Du bist zu prüde gekleidet, als dass du Irin sein könntest.«
    Viele Grüße,
    Janika

    • Anabelle
      Anabelle
      Autor
      10. September 2018 / 19:01

      Liebe Janika,

      ja, ähnliche Erfahrungen hatte ich auch. Ich war mal mit Jeans und Pulli aus, da wir nach dem College feiern sind, und ein Kerl hat mir Komplimente für mein Outfit gemacht. 😀

      Ich hoffe, dir gefällt das Buch!

      Liebe Grüße
      Anabelle

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