Das Mädchen im Strom – Sabine Bode

Auf einen Blick

Titel: Mädchen im Strom
Autorin: Sabine Bode
Verlag: Klett-Cotta
Erschienen: 11. März 2017
Seiten: 350
Preis: 20,00€

Vielen Dank an Klett-Cotta für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

Zum Inhalt

Gudrun ist wunderschön, beliebt und machte sich vor allem durch ihre freche Art und das “Schlepperschwimmen” einen Namen. Sie stammt aus einer guten Familie und lebt das typische Leben eines jungen Mädchens auf dem Weg zur Erwachsenen. Bis das Naziregime ihr ganzes Leben auf den Kopf stellt – denn Gudrun ist Jüdin. Gestapo-Haft, gefälschte Papiere, Trennung von ihren Lieben und schließlich die Flucht aus Deutschland bestimmen nun ihr Leben …

Erinnerung und Distanz

Als ich Das Mädchen im Strom in der Verlagsvorschau des Klett-Cotta-Verlags gesehen habe, war mein Interesse gleich geweckt. Lange Zeit wollte ich nichts lesen, was zu der Zeit des 2. Weltkriegs spielt. Ich weiß nicht wieso, vermutlich ging es mir zu nahe, die menschlichen Abgründe waren zu tief. Dann kamen Die Nachtigall und Salz für die See und das Interesse war geweckt. Als ich sah, dass Das Mädchen im Strom auch noch in meiner Heimat Mainz angesiedelt ist, hatte ich noch einmal einen persönlicheren Bezug zu der Geschichte.

Ich muss gestehen, ich hatte anfangs so meine Probleme, mich in das Werk einzufinden. Das lag vor allem daran, dass die direkte Rede nicht gekennzeichnet ist, sondern mitten im Text steht. Zwar weiß man in der Regel trotzdem, welche Worte nun gesprochen werden und welche dem Erzähler zuzuordnen sind, doch baut diese Art des Erzählens meiner Meinung nach eine Distanz zum Leser auf. Ich empfand das zu Beginn als sehr störend und es dauerte eine Weile, bis ich mich in den Text eingefunden und an die Erzählweise gewöhnt hatte. Vor allem wunderte mich diese Distanz, da es um den zweiten Weltkrieg und die Judenverfolgung geht und ich mit der Erwartung an den Roman herangegangen bin, auf einer emotionalen Ebene mitgenommen zu werden.

Retrospektiv finde ich, trotz meiner Abneigung gegen abwesende Anführungszeichen, dass diese Art, die Geschichte zu erzählen, auch Vorteile hat. Ich war bis zum Ende der Geschichte emotional nicht wirklich involviert. Ganz anders als ich es von anderen Geschichten zur Zeit des Holocaust gewöhnt bin. Einzelne Tode und Gräueltaten wurden in kurzen, trockenen Sätzen erzählt, fast berichtartig. Daher spiegelte sich die Distanz nicht nur bei der direkten Rede wider, sondern auch in dem Erzählten selbst und war in sich stimmig. Vorteil daran ist, dass man sich nicht mit seinen Emotionen beschäftigt, die Empathie hintenangestellt wird und man sich die Fakten genauer betrachtet. Es war ungewohnt, ein solches Buch zu lesen. Ich war nicht Teil des Geschehens, sondern beobachtete nur von außen.

Letzten Endes passte diese Erzählweise wohl wirklich gut zur Protagonistin Gudrun. Gudrun ist ein sehr spannender und interessanter Charakter. Wie der Klappentext bereits verrät, ist Gudrun Jüdin und somit unmittelbar von den Gefahren durch die Nazis betroffen. Was mich wirklich fasziniert hat, ist ihre Einstellung zum Leben. Ungeachtet der Begebenheiten hat sie einen enorm starken Lebenswillen und lässt sich nicht einschüchtern. Allerdings war ich mir während des gesamten Buchs nicht sicher, was ich von ihr halten soll. Erst dachte ich, sie sei einfach unfassbar stark, jedoch setzt sie diese Stärke nur für sich ein, nicht, um anderen zu helfen. Dann dachte ich, dass sie vielleicht ein Stück zu passiv geschrieben ist. Es wirkte, als habe Gudrun zum Geschehen, den Bombenangriffen fast die gleiche Distanz, die man als Leser zu ihr und der Geschichte verspürt. Ich verstehe den Reiz, den ein solcher Schreibstil ausmacht, jedoch war es mir irgendwann zu trocken. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Mensch so wenig Anteil an dem Geschehen um ihn herum nimmt, insbesondere dann, wenn dieses Drumherum immer mehr einer Hölle gleich kommt.

Für mich war es allerdings sehr interessant, mehr über das Leben der Juden außerhalb Nazi-Deutschlands zu erfahren. Dass die Gefahr selbst auf anderen Kontinenten noch nicht gebannt ist, ist einfach erschreckend und führt vor Augen, wie weitreichend Hass und Vorurteile sind. Auch wenn mir die emotionalen Aspekte in dem Buch wirklich gefehlt haben und die Distanz durchgehend groß blieb, hat mir dieser Einblick sehr gut gefallen.

Im Gegensatz zu anderen Werken habe ich hier keine Tränen vergossen, habe keine unmittelbare Nähe zu den Figuren aufgebaut und somit auch nicht mitgefiebert. Ich war nicht mitten im Geschehen. Aber ich habe gelernt und nachgedacht. Wo Emotionen gefehlt haben, nahmen Gedanken ihren Platz ein.

Fazit

Das Buch war unerwartet anders. Ich habe viel darüber nachgedacht und bin mir immer noch nicht ganz sicher, ob es in seiner Art positiv oder negativ anders war – aber es wird mir auf jeden Fall in Erinnerung bleiben.

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