Das Frostmädchen – Stefanie Lasthaus

img_6821Auf einen Blick

Titel: Das Frostmädchen*
Autorin: Stefanie Lasthaus
Verlag: Heyne
Erschienen: 14. November 2016
Seiten: 400
Preis: 12,99€ (Broschiert)

Vielen Dank an Heyne für das Rezensionsexemplar!

Zum Inhalt

Nach einem heftigen Streit mit ihrem Freund Gideon, in dem dieser handgreiflich wird, flieht Neve in den nahegelegenen Wald. Dort verirrt sie sich und bleibt schließlich erschöpft im Schnee liegen. Sie droht zu erfrieren, wird jedoch von Lauri gefunden, der seinen Urlaub ebenfalls in dem kanadischen Wald verbringt und Neve in seiner Hütte gesund pflegt. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Liebe. Diese bleibt jedoch nicht lange ohne Hindernisse, denn nicht nur Neves Vergangenheit jagt sie, in der Nacht im Wald ist auch etwas mit ihr geschehen, das sie für immer verändert hat …

Schnee, Schläger und schlechte Charaktere. Und noch mehr Schnee.

Bevor ich mit dem Buch begonnen habe, wurden schon einige negative Rezensionen zu Frostmädchen veröffentlicht, sodass ich in gewisser Weise vorgewarnt war. Ich bin also schon mit nicht allzu hohen Erwartungen an den Roman herangegangen – und wurde dennoch enttäuscht. Leider wird daher auch meine Rezension nicht allzu gut ausfallen. Die Rezension ist wie immer spoilerfrei, nur ganz unten muss ich auf etwas vorgreifen, das euch jedoch nichts über den Verlauf der Handlung an sich oder deren Ausgang verrät.

Beginnen wir wie immer mit den Charakteren. Protagonistin Neve bot für mich schon zu Beginn keinerlei Identifikationspotential. Sie ist ein unglaublich schwacher Charakter und so sehr man ihren Ex-Freund Gideon auch verabscheut, kann man ihm beim Lesen leider nur zustimmen, wenn er sie mit einem Hund vergleicht: stetig treu, hinterherdackelnd, ohne eigenes Leben. Das fand ich zu Beginn des Buches aber gar nicht schlimm, da es leider Frauen gibt, die sich zu viel gefallen lassen und ich die Hoffnung hatte, dass genau das in dem Buch kritisiert wird, Neve eine Wandlung durchlebt und den Lesern zeigt, dass man aus diesem Teufelskreis ausbrechen kann. In gewisser Weise durchlebt Neve auch eine Wandlung. Allerdings geschieht dies zum einen nur durch den männlichen Protagonisten Lauri, durch den sie ihren Wert scheinbar erst erkennt. Zum anderen gelangt sie trotz Veränderungen nicht zu Stärke und bleibt leider unselbstständig und abgängig von anderen. Insofern wurden meine Hoffnungen auf einen sich bessernden, selbständiger werdenden Charakter enttäuscht.

Ihr männlicher Gegenpart Lauri hingegen ist die Personifikation des Adjektivs anständig. Er ist nett, hilfsbereit und aufopferungsvoll. Man erfährt an einigen Stellen etwas über seine Vergangenheit, wobei ich leider den Eindruck hatte, dass das nur geschieht, um ihn runder zu gestalten. Das hat für mich leider aber das genaue Gegenteil bewirkt und mir vielmehr vor Augen geführt, wie flach er und Neve eigentlich gestaltet sind. Denn in der Handlung wurden all diese Dinge dann gar nicht wieder aufgegriffen und von der ersten Sekunde an, in der er Neve sieht, verliert auch er scheinbar jegliche Selbständigkeit. Von diesem Moment an drehen sich beider Leben nur noch umeinander. Man kennt das ja aus Liebesgeschichten, allerdings lese ich die aus genau diesem Grund so ungern und verstehe nicht, wieso es der Fantasyelemente dann überhaupt bedarf, bzw. wieso das Buch als Fantasyroman mit “dunklen Bedrohungen” angepriesen wurde, wenn es einzig und allein von zwei sich Liebenden handelt. Darf ich an dieser Stelle auch darauf hinweisen, dass Neve gerade erst vor ihrem Schläger-Freund geflohen ist und es vielleicht kein gutes Zeichen für junge Mädchen ist, wenn sich die Protagonistin danach direkt einem anderen Kerl an den Hals wirft? So völlig ohne etwas zu verarbeiten?

frostmaedchenzitat

Was mich am meisten gestört hat, ist die Tatsache, dass das Buch meiner Meinung nach kaum wirkliche Handlung aufweist. Die meiste Zeit irren die beiden Protagonisten (planlos) durch den Schnee – vermutlich suchen sie den fehlenden roten Faden. Mal droht der zu erfrieren, mal jener. Und die ganze Zeit fragt man sich, wann nun endlich der Plot und die eigentliche Bedrohung, von der auf dem Klappentext die Rede war, auftaucht. Bis man dann feststellen muss, dass es diese Bedrohung gar nicht wirklich gibt. Zwar ist die Winterherrin nun kein beste-Freundinnen-Material, aber so wirklich gruslig oder bedrohlich wirken sie und ihr Gefolge nicht. Eigentlich wirkte die Winterherrin generell nicht wie eine Antagonistin und man hatte nie wirklich Angst um die Figuren oder fieberte mit. Das liegt sicher auch daran, dass ich, wie eben schon gesagt, keine Verbindung zu den Charakteren der Geschichte hatte. Außerdem betraf die “Bedrohung” eben wirklich nur die beiden Protagonisten. Andere Figuren kommen kaum vor und die Welt wird von den Antagonisten überhaupt nicht aus dem Gleichgewicht gebracht. Dadurch war mir irgendwann leider ziemlich egal, ob Neve und Lauri nun etwas zustößt oder nicht, da es eben einfach keinerlei Auswirkungen gehabt hätte und ich das Buch ehrlich gesagt nur noch beenden wollte, um endlich ein neues beginnen zu können. Hinzu kommt, dass kein wirkliches World-Building vorhanden war. Natürlich handelt es sich hier um keinen High-Fantasy-Epos, der eine superkomplexe Planung braucht, aber es wurden sich immer wieder der gleichen Elemente bedient und man erfuhr so gut wie nichts über die wenigen Fantasyelemente, die im Buch vorkamen. Woher diese dunklen Mächte kamen, was sie tun, wenn sie nicht gerade Neve und Lauri durch den Schnee jagen – das kam überhaupt nicht zur Sprache.

Zu guter Letzt noch ein paar Worte zu einem wichtigen Thema, dem Ausgangspunkt für Neves Situation: häusliche Gewalt. Einer der Gründe, weshalb ich das Buch angenommen habe, da es sich dabei um etwas handelt, über das man häufiger reden sollte. Allerdings ist genau das dann nicht geschehen. Scheinbar wurde auch diese Vergangenheit hauptsächlich verwendet, um Neve einen Knacks zu verpassen. Denn thematisiert wird es danach nur wenig. Neve scheint überhaupt nichts verarbeiten zu müssen. Macht sich keinerlei Gedanken darüber, über ihr Leben, oder über ihre Unfähigkeit, mal ein paar Tage alleine klarzukommen. Und was noch viel, viel schlimmer ist: Die Reaktionen, die sie danach auf ihren Schläger-Ex-Freund hat. Ich möchte hier nicht spoilern, also nur so viel: Wenn ein Mann dich schlägt. Dich windelweich prügelt. Dafür sorgt, dass du ohne Schuhe in den verschneiten Wald fliehst. Dann solltest du danach kein Herzklopfen haben – höchstens aus Angst und Wut. Nicht aus hervorbrechenden Emotionen und rührseligen Gedanken an die Zeit früher. Und wenn das in einem Buch schon so dargestellt wird, dann sollte man wenigstens herauslesen, dass dieses Verhalten kritisiert wird. Neve hingegen wird (vor allem durch Lauri) aber schon fast vergöttlicht. Sie wird als starke Frau beschrieben, obwohl sie eigentlich ein schwaches, kleines Mädchen ist.

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Eine Geschichte steht und fällt mir ihren Charakteren und meines Erachtens handeln die Charaktere in Das Frostmädchen einfach alle vollkommen unlogisch und – in Ermangelung eines besseren Wortes – seltsam. Lauri ist einfach nur da, Neve soll stark sein, handelt dieser Beschreibung aber völlig zuwider, und ihr Ex-Freund Gideon wundert sich gar nicht, wo seine Freundin all die Tage, in denen er nicht bei ihr war, abgeblieben ist und findet es gar nicht merkwürdig, dass die sonst so hilflose Neve alleine im kalten Wald überleben kann. Andererseits wundert sich ja auch Lauri nie über ihre Schneepaziergänge alle fünf Minuten.

Das Ende hat mir dann echt den Rest gegeben.

Fazit

Das Frostmädchen konnte mich leider nicht überzeugen und ich persönlich würde euch auch nicht raten, es zu lesen. Es sei denn, ihr wollt euch ein bisschen mit mir aufregen.

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7 Comments

  1. 26. Dezember 2016 / 15:18

    Hi,
    schade, dass das Buch scheinbar so flach und schlecht ist.
    Denn zu Beginn dachte ich, die Geschichte könnte mir gefallen;)
    LG, Monique

  2. 27. Dezember 2016 / 21:19

    Hi,
    oh wie Schade. Ich fand “Das Frostmädchen” auf den ersten Blick recht vielversprechend. So ein kaltes Winter-/Schneebuch ohne Weihnachte wäre jetzt genau das richtig. Ständiges durch den Wald Gelaufe und kurz vorm Erfrieren stehen, klingt dann aber doch nicht nach meinem Geschmack.

    Lg, Sabrina von lesefreude

  3. 28. Dezember 2016 / 13:10

    Gerade bei dieser Thematik diese so Empathie-arm umzusetzen, Neve so naiv darzustellen … Mir fehlen wirklich die Worte! Mich hätte das Buch bereits vom Cover nicht angesprochen (Cover & Thema passen wir mich nicht überein), aber wenn ich damit geliebäugelt hätte, nach deiner Meinung (und anscheinend der vieler anderer) , wäre das Buch von der WuLi geflogen!
    Ich kann dir tolle Bücher wie bspw. “Sie nannten mich Es” und mehr empfehlen ~ jedoch kann ich mir denken das dir einige davon zu sehr unter die Haut gehen würden bzw. es vielleicht nicht deinen Interessen entspricht wie bspw. “Aufschrei”

    Liebe Grüße
    Janna

  4. 5. Januar 2017 / 13:36

    Du bist nicht die Erste, die so negativ über dieses Buch schreibt – was du oben ja auch erwähnst – und ich bin echt froh, dass ich mich gegen einen Kauf entschieden habe. Mich hat nämlich im Klappentext schon abgeschreckt, dass sie sich ja “vom ersten Augenblick an” zueinander hingezogen fühlen. Da hatte ich schon so eine Ahnung 😀
    Dass aber so, man muss es sagen, verantwortungslos mit dem Thema der häuslichen Gewalt umgegangen wird, diese nur als Ausgangspunkt für eine “epische” Liebesgeschichte dient, ist schockierend, da kann ich mich deiner Kritik nur anschließen. So ein Thema bedarf einer anständigen Ausarbeitung und guten Figuren.

    Schade, dass das hier so nach hinten losgegangen ist. Ich drücke dir die Daumen für dein nächstes Buch 😉

  5. 12. März 2017 / 16:16

    Ahoy Annabelle,

    auf dieses Buch hatte ich mich bereits riesig gefreut, weil ich momentan auf düstere Märchenadaptionen stehe und von “Die silberne Königin” total begeistert war.

    Leider hat mich diese Geschichte enttäuscht – der Schreibstil und die winterliche Atmosphäre waren einzigartig und Neves feministische Anwandlungen fand ich großartig, aber sonst?! Nix. Für meinen Geschmack passierte einfach viel zu wenig :/

    Naja, so ist´s leider! Liebste Grüße, Mary <3
    http://marys-buecherwelten.blogspot.de/2017/01/das-frostmadchen.html

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