Die Wahlverwandtschaften – Johann Wolfgang von Goethe

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Auf einen Blick

Titel: Die Wahlverwandtschaften
Autor: Johann Wolfgang von Goethe
Verlag: Reclam
Erschienen: 2013 (erstmals:1809)
Seiten: 282
Preis: 5,60€

Es ist November, somit der letzte Monat der Klassiker-Challenge, und ich habe noch zwei weitere Bücher zu lesen. Realistisch gesehen schaffe ich es so kurz vor Ende der Challenge dann wohl leider doch nicht, diese rechtzeitig zu beenden. Das finde ich aber auch gar nicht schlimm. Ich werde die mir vorgenommenen Bücher trotzdem lesen und es nächstes Jahr auch beibehalten, regelmäßig Klassiker zu lesen. Fernab davon, ob ich das Ziel nun erreicht habe oder nicht, war es meiner Meinung nach die beste Challenge, an der ich bisher teilgenommen habe, da ich ohne sie nur einen Bruchteil der Bücher gelesen hätte. Und wer weiß wann. Insofern danke ich an dieser Stelle schon einmal Lyne, die die Klassiker-Challenge ins Leben gerufen hat! 🙂

Zum Inhalt

Eduard und Charlotte haben eigentlich keine sonderlich großen Pläne außer denen, sich gemütlich auf ihr Landgut zurückzuziehen und dort ihre Zweisamkeit zu genießen. Diese Pläne werden kurz darauf zunichte gemacht, da Eduard den befreundeten Hauptmann zu ihnen einlädt, woraufhin Charlotte kurze Zeit später ihre Ziehtochter Ottilie zu sich holt. Eduard verliebt sich recht bald in Ottilie und auch zwischen Charlotte und dem Hauptmann wächst zunächst Freundschaft, dann Liebe heran. Gerade, als sich alle mit dieser neuen “Wahlverwandtschaft” abzufinden scheinen, nimmt das Unheil seinen Lauf …

Wieso stand das Buch auf meiner Liste? Was habe ich mir erwartet?

Ich liebe Goethe. Sowohl seine Werke als auch ihn als Person. Von daher habe ich mir schon länger vorgenommen, nach und nach mehr von ihm zu lesen. Die Wahlverwandtschaften habe ich mir beim Erstellen der Leseliste für den Oktober eingeplant. Lustigerweise bot meine Uni dann genau ab Oktober ein Seminar zu den Wahlverwandtschaften an, das ich natürlich gleich belegen musste. So erhalte ich gerade ganz nebenbei noch Hintergrundwissen zu dem Werk und seiner Entstehungszeit, was wirklich super ist.
Ich bin relativ unbefangen an das Buch herangegangen. Ich wusste, dass es von Ehebruch handelt, aber mehr auch nicht. Ansonsten habe ich mir anspruchsvolle Literatur erwartet, bin aber davon ausgegangen, dass mir die Geschichte – sowie bisher alles von Goethe – gut gefallen würde.

_mg_6582Wurden die Erwartungen erfüllt?

In Bezug darauf, dass ich mir anspruchsvolle Lektüre erwartet habe, auf jeden Fall, ja. Der Anspruch bezieht sich jedoch auf den Inhalt, denn Goethe bedient sich hier einer leicht verständlichen, teils eher nüchternen Sprache.
Was alles andere angeht, hat der Roman meine Erwartungen bei weitem übertroffen (gut, ich wusste ja auch nicht wirklich, was ich erwarten sollte). Der Ehebruch ist zwar zentrales Thema der Geschichte, jedoch lange nicht das einzige. Tieck betitelte das Werk damals als “Qualverwandtschaften”, es fand zur Entstehungszeit generell wenig Anklang, während es heute als eines von Goethes größten Werken zählt. Zurecht, wie ich finde. Wie zu erwarten steckte das Buch außerdem voller schöner Passagen und ich habe mir etliche Stellen markiert – einer der wenigen Vorteile der Reclam-Ausgabe: Man kann guten Gewissens darin herumkritzeln.

Wie oft schlägt man einen Weg ein und wird davon abgeleitet! Wie oft werden wir von einem scharf ins Auge gefaßten Ziel abgelenkt, um ein höheres zu erreichen! Der Reisende bricht unterwegs zu seinem höchsten Verdruß ein Rad und gelangt durch diesen unangenehmen Zufall zu den erfreulichsten Bekanntschaften und Verbindungen, die auf sein ganzes Leben Einfluß haben. Das Schicksal gewährt uns unsere Wünsche, aber auf seine Weise, um uns etwas über unsere Wünsche geben zu können. – S. 196

Was ist das Besondere an dem Buch?

Wo fange ich an? Zum einen ist es natürlich besonders, dass Goethe vor so langer Zeit ein selbst heute noch gewagtes Ehemodell aufzeigt. An einer Stelle entwirft der Grad, der Charlotte und Eduard besucht, eine Art “Ehe auf Probe” und schlägt vor, man sollte die Ehe vorerst für nur fünf Jahre beschließen. Dieser Zeitraum reiche aus, um sich kennenzulernen, ein bis zwei Kinder zu kriegen, zu streiten und sich zu versöhnen. Laufe es nicht gut, könnte man sich einvernehmlich voneinander lösen, laufe es gut, stellte man plötzlich nach sieben Jahren fest, dass man ohne es zu bemerken, über die Frist hinaus beisammen gewesen sei und behielte es einfach weiter so bei. Das fand ich bemerkenswert, da sich dieses Konzept völlig gegen die damaligen Ideale stellt und, würde man es so ausführen, wohl heute noch auf einigen Widerstand stieße. Allerdings hatte auch Goethe seine Frau erst wenige Jahre vor Erscheinen des Romans geehelicht und lebte zuvor unverheiratet mit ihr und ihrem gemeinsamen Sohn zusammen. Nicht nur das Werk, sondern auch seine Lebenseinstellung widersprachen also den damaligen Vorstellungen.

Darüber hinaus finde ich die naturwissenschaftliche Herangehensweise an die menschlichen Beziehungen spannend – und das sage ich, die Chemie und Physik in der Oberstufe abgewählt hat. “Wahlverwandtschaften” war ein Terminus aus der Chemie und bezeichnete den Vorgang, wenn Stoffe durch Trennung eine neue Verbindung mit anderen Stoffen eingehen, diese Verbindung also gegenüber der alten bevorzugen. Ich vermute einfach mal, dass Goethe daran zeigen wollte, dass ein solches menschliches Verhalten natürlich ist. Die naturwissenschaftliche Herangehensweise zeigt sich allerdings auch im Schreibstil. Während der Werther vor emotionalen Beschreibungen und Naturanschauungen nur so strotzte, wirken die Wahlverwandtschaften um einiges kühler. So wird beispielsweise ein tragischer Todesfall in einem einzigen Satz abgehandelt. Interessanterweise kam die Tragik dadurch also umso besser durch, weil dem Toten nicht einmal mehr als ein paar Wörter gewidmet wurden.
fullsizerender-12Am prägnantesten waren für mich aber die Tagebucheinträge Ottiliens. Eigentlich mochte ich Ottilie beim Lesen nicht besonders. Ich kann nicht einmal sagen, weshalb – sie war mir einfach nicht sonderlich sympathisch. Ihre Tagebucheinträge haben mir dafür umso besser gefallen und mich an Paulo Coelhos Tagebuch des Kriegers des Lichts erinnert. Ottilie wird nicht als besonders intelligent beschrieben, besitzt aber eine gute Beobachtungsgabe und formuliert daraus mehrere Grundsätze, die sie in ihrem Tagebuch niederschreibt. Ein paar davon lassen sich definitiv auch gut auf das eigene Leben anwenden.

Durch nichts bezeichnen die Menschen mehr ihren Charakter als durch das, was sie lächerlich finden.  –  S. 151

Fazit

Goethes Wahlverwandtschaften haben mir wirklich sehr gut gefallen und ich bin jetzt schon gespannt auf die nächsten Seminarstunden sowie auf die weiteren Werke, die ich noch zu lesen habe!

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