Der alte Mann und das Meer – Ernest Hemingway

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Auf einen Blick

Titel: Der alte Mann und das Meer
Originaltitel: The Old Man and the Sea
Autor: Ernest Hemingway
Verlag: Rowohlt
Erschienen: 1. März 2014 (erstmals: 1952)
Seiten: 160
Preis: 8,99€ (Taschenbuch)

Seit meinem Beitrag zu To Kill A Mockingbird ist schon wieder ein Monat vergangen und ich hänge mit der Klassiker-Challenge leider ziemlich hinterher. Aber ich gebe nicht auf und versuche, die Challenge trotzdem noch zu beenden – so oder so möchte ich es beibehalten, einmal im Monat einen Klassiker zu lesen. Es stehen noch mehr als genug auf der Liste. Aber kommen wir erst einmal zu dem Buch, um das es heute gehen soll! (Ja, ich habe es auf dem Tolino gelesen und ja, ich schäme mich dafür, aber es war eine dunkle und lange Busfahrt!)

Wieso stand das Buch auf meiner Liste? Was habe ich mir erwartet?

Ganz ehrlich? Eine wirklich nicht lobenswerte Antwort: Weil es dünn war und ich mir dachte, dass ich bei zwölf Klassikern in elf Monaten vielleicht auch etwas dünnere Bücher mit auf die Liste packen sollte. Diese habe ich mir für die Unizeit aufgehoben, da ich in den Wochen so oder so schon sehr viel zu lesen habe und das Lesen in der Freizeit zwangsläufig zu kurz kommt.
Ich kam während des Bachelors schon einmal mit Hemingway in Kontakt. Wir haben in Anglistik damals Hills Like White Elephants gelesen und ich habe beim ersten Lesen nichts verstanden. Dank des Professors wurden die Motive dann klarer und der Text mir etwas sympathischer.
Erwartet habe ich, dass Der alte Mann und das Meer ähnlich verwirrend wird, ich ohne Sekundärliteratur kaum etwas verstehen und mich der Text eher frustriert zurücklassen würde.

Wurden die Erwartungen erfüllt?

Gott sei dank nicht. Ob ich alles verstanden habe, kann ich natürlich nicht sagen, da ich (noch) keine Sekundärliteratur zu dem Werk gelesen habe und es bestimmt etliche versteckte Motive gibt, die ich überlesen habe. Aber – enormer Vorteil gegenüber des anderen Textes – es gibt eine klare Botschaft, die wohl jeder Leser versteht. An sich mag ich es ja, mich länger und genauer mit Büchern auseinanderzusetzen, aber momentan ist es zeitlich einfach nicht gegeben, weshalb ich sehr dankbar bin, dass der Kurzgeschichte eine scheinbar eindeutige Allegorie zugrunde liegt: das Durchhalten und Überstehen jeglicher Widrigkeiten.

Was ist das Besondere an dem Buch?

Ich kenne zu wenige Werke Hemingways, um darüber wirklich eine Aussage treffen zu können, aber sein Schreibstil kam mir hier klarer und einfacher vor, als in den Texten, die ich sonst von ihm gelesen habe. Die Geschichte selbst hat mich ehrlich gesagt etwas deprimiert, da mir Protagonist Santiago einfach leid tat. Er lebt, arm und halb verhungert, alleine in einer kleinen Hütte. Sein Bett bloß mit Zeitungen gepolstert. Tagtäglich kämpft er einen aussichtslosen Kampf. Er kämpft um des Kämpfens Willens, hat dabei einen fast schon naiven, krankhaften Optimismus. Egal wie aussichtslos seine Situation ist, er gesteht sich keine Niederlage ein, kämpft stetig weiter, macht sich dabei aber auch fast selbst kaputt. Zumindest kam es mir so vor. Ich habe sein Durchhaltevermögen zwar bewundert und glaube, man kann in dieser Hinsicht einiges von ihm lernen, jedoch sollte man seine Grenzen dabei im Blick behalten. Sie zu überschreiten ist von Zeit zu Zeit wichtig, jedoch kann zu viel davon auch zum Scheitern führen. So auch beim alten Mann, der, fast schon im Wahn, nicht mehr erkennt, wann der Kampf verloren ist. Zu Ende der Kurzgeschichte befindet er sich somit wieder in der gleichen Situation wie zu Beginn. Es hat keine Verbesserung seiner Lage stattgefunden._mg_6546Die Geschichte ist mit religiösen Motiven und intertextuellen Anspielungen auf Moby Dick versehen und auch Autobiographisches spielt, wie fast immer bei Hemingway, eine Rolle. Er selbst war im Fischfang erfahren und kannte somit die Geduld und Ausdauer, mit der sein Protagonist täglich ins weite Meer hinausfährt. Das ist es, denke ich, auch, was das Buch so besonders macht: die Ausdauer des Mannes. Dass man sich ihm, durch Hemingways Schreibstil, so nahe fühlt, als säße man mit ihm auf dem kleinen Boot. Man fühlt mit ihm, erkennt jedoch weit vor ihm die Aussichtslosigkeit seiner Situation, wodurch man sich mehr und mehr von seinen Gedanken und Gefühlen spaltet und sich eher um ihn sorgt, ihn an der Hand nehmen will – zumindest ging es mir so. Dieser Wandel war interessant zu beobachten und wirklich gut inszeniert.

Fazit

Ich fand die Kurzgeschichte nicht schlecht, die Message sogar wirklich schön. Aber von all den Klassikern, die ich jetzt für die Challenge gelesen habe, nimmt es auf der Beliebtheitsskala leider den letzten Platz ein. Hätte ich anfangs erwähnten Professor beim Lesen neben mir sitzen gehabt, wären mir bestimmt noch andere Deutungsebenen aufgefallen, die mir so beim “normalen Lesen” entgangen sind.

Kennt ihr Werke Hemingways? Könnt ihr eines besonders empfehlen? Vielleicht werde ich ja doch noch warm mit ihm. 🙂

6 Comments

  1. 12. Oktober 2016 / 22:47

    Hm, habe ich was verpasst oder wieso muss man sich für den Tolino schämen? ;D

    Ich habe das Buch auch vor einiger Zeit (letztes Jahr?) gelesen und fand es auch recht angenehm zu lesen. Da es mein erster Hemingway war, wusste ich aber nicht, dass er sonst eher schwierig schreibt. Da habe ich ja glücklicherweise direkt zum richtigen Buch gegriffen. Ich weiß noch, dass mir das Buch ganz gut gefallen hat, soweit, dass es in meinen Augen aber jetzt auch nichts besonderes war…

    • Anabelle 12. Oktober 2016 / 23:12

      Irgendwie fand ich es komisch einen Klassiker als eBook zu lesen. Hab die einfach lieber im Regal. 😀
      Ich hätte echt gern noch mehr über den Text gelesen, das muss ich noch nachholen. Immerhin hat er Preise abgeräumt und Hemingway berühmt gemacht. Da muss einfach noch mehr drin stecken. 😀

      • 12. Oktober 2016 / 23:51

        Haha, okay. Wenn du den Heiligen Gral dieses Buches gefunden hast, sag Bescheid. 😀

  2. 16. Oktober 2016 / 21:57

    Liebe Anabelle,

    also ich war von dem Buch sehr enttäuscht. Ich habe die Ausgabe vom rororo Verlag und da wurde im Vorwort die komplette Story zusammengefasst erzählt. Seitdem lese ich ein Vorwort nur noch nach der Lektüre. Zum andern fand ich die Geschichte sowohl vom Schreibstil, als auch von der Message her eher flau. Das liegt wohl auch daran, dass ich gar nicht lange zuvor “Horcynus Orca” von D’Arrigo gelesen habe und da gibt es zwei ähnliche Szenen und die sind sowohl von der Sprachgewalt, vom Tiefgang, von der Ausdrucksstärke in einer komplett anderen Liga unterwegs. Da ist Hemmingways Buch ein lahmer Abklatsch davon (auch wenn er Horcynus Orca wahrscheinlich nicht kannte). Das hat für mich auch wieder bestätigt, dass man auf den Nobelpreis (genauso wie auf andere Auszeichnungen wie den Oscar usw.) ein Ei legen kann (was man beim Literaturnobelpreis ja erst wieder gesehen hat).

    Erst nach der Lektüre hab ich einiges über Hemmingway gelesen und da ist er auch nicht gerade gut rüber gekommen. Seine Art zu schreiben ist einfach nichts für mich.

    Aber wenn ihr den Heiligen Gral in dem Buch entdeckt habt, dann gebt mir bitte Bescheid. Vielleicht liegt ja zwischen den Zeilen was, wofür ich blind bin und einen Professor braucht. Das würde dann aber auch nicht für das Buch sprechen 😉

    Liebe Grüße
    Tobi

    • Anabelle 17. Oktober 2016 / 8:53

      Hey Tobi,

      ich bin wirklich erleichtert, dass es mir nicht als Einzige so geht.
      Bisher wurde ich mit Hemingway wie gesagt auch nicht warm, aber mal sehen, was ich noch alles von ihm lesen werde und wie es mir dann gefällt. Vorerst gibt es auf jeden Fall Werke, auf die ich weit mehr Lust habe. 🙂

      Liebe Grüße
      Anabelle

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