To Kill A Mockingbird – Harper Lee

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Auf einen Blick

Titel: To Kill a Mockingbird
Autorin: Harper Lee
Verlag: Grand Central Publishing
Erschienen: 1988 (erstmals: 1960)
Seiten: 384
Preis: 6,99€ (Taschenbuch)

Meinen letzter Beitrag zu einem Klassiker liegt viel zu lange zurück, denn seit ich im Juni über The Martian Chronicles geschrieben habe, kam nichts mehr und ich auch in der Klassiker-Challenge hänge ich ziemlich hinterher. Ich weiß nicht, woran es liegt, aber momentan komme ich irgendwie kaum zum Lesen von klassischer Literatur und auch für To Kill A Mockingbird habe ich sehr lange gebraucht. Mir fehlen gerade sowohl Freizeit als auch die Konzentration für anspruchsvollere Bücher, aber ich versuche natürlich trotzdem noch wieder aufzuholen! Nun aber erst einmal zu Harper Lees To Kill a Mockingbird.

Wieso stand das Buch auf meiner Liste? Was habe ich mir erwartet?

Das Buch wanderte im Februar, als ich von Harper Lees Tod erfuhr, auf meine List. Eigentlich ein sehr trauriger Grund, aber irgendwie bekomme ich genau dann immer das Gefühl, die Werke des Autors dringend lesen zu müssen und habe ein schlechtes Gewissen, es nicht schon vorher getan zu haben. Auch als Go Set a Watchman 2015 erschien, dachte ich mir schon, endlich die Werke der Autorin lesen zu müssen.
Nachdem ich auf Twitter habe abstimmen lassen, ob ich To Kill a Mockingbird oder Little Women lesen soll und wirklich fast alle für ersteres waren, habe ich mir einiges erwartet. Worum es in dem Buch geht, wusste ich nur grob. Mir war klar, dass Rassismus thematisiert wird, mehr nicht. Das hat mir aber schon gereicht und ist momentan ja leider aktuell wie eh und je.

Wurden die Erwartungen erfüllt?

Anfangs hatte ich nicht das Gefühl, um ehrlich zu sein. Die sechsjährige Protagonistin Scout und ihr Bruder Jem wachsen in einem kleinen, provinziellen Dorf namens Maycomb auf. Ihr ganzes Leben spielt sich in diesem Dorf ab und anfangs verfolgt man ihre Abenteuer in der Schule und während der Ferien. So lernt man zwar Scouts Umgebung kennen, jedoch lag der Fokus schon sehr auf der dörflichen Welt und ich muss gestehen, dass ich den Einstieg zwar schön, oft aber auch etwas langweilig fand. Jedoch hält sich ja das Gerücht, dass man in Dörfern die ganze Welt im Kleinen sehen kann – und so war es dann auch hier.

Ohne dass man es wirklich mitbekomme, spitzt sich die Lage langsam zu und die eigentliche Problematik des Buches drängt sich auch in Scouts Sichtfeld: Ihr Vater Atticus soll den schwarzen Tom Robinson verteidigen, der angeblich eine junge Frau im Dorf vergewaltigt haben soll. Dadurch dass aus der Sicht der Sechsjährigen erzählt wird, berichtet sie oft nur, was sie gehört hat. Ohne zu urteilen, da sie vieles einfach noch nicht versteht. Das Urteil über das Geschehen kann man sich als Leser somit selbst bilden, was mir gut gefallen hat, da man sich wirklich Gedanken über das Gelesene macht. Für Scout ist die Einteilung der Gesellschaft aufgrund der Hautfarbe normal, da sie damit aufgewachsen ist. Sie ist es gewohnt, dass Calpurnia ihr Hausmädchen ist und Weiße und Schwarze nicht in den gleichen Vierteln wohnen. Dankihres Vaters Atticus jedoch hegt sie nicht, wie viele andere im Dorf, eine Abneigung gegenüber Schwarzen, sondern ist eher neugierig, deren Kultur kennenzulernen – sehr zum Missfallen einiger Nachbarn._mg_5697

“You aren’t really a nigger-lover, then, are you?”
“I certainly am. I do my best to love everybody … I’m hard put, sometimes – baby, it’s never an insult to be called what somebody thinks is a bad name. It just shows how poor that person is, it doesn’t hurt you.”

Im Endeffekt wurden meine Erwartungen dadurch dann doch noch erfüllt, da vor allem die zweite Hälfte des Buches die Problematik sehr gut und authentisch darstellt und es stellenweise so, so viele Parallelen zu aktuellen Nachrichten gibt, dass es wirklich erschreckend zu lesen war.

Was ist das Besondere an dem Buch?

Wie man eben schon lesen konnte: Die Aktualität. Ich wurde beim Lesen an vielen Stellen so unfassbar wütend und hatte mit den Tränen zu kämpfen, weil ich einfach nicht verstehen kann, wie man Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder anderer Belanglosigkeiten be- und verurteilen kann. Das Buch zeigt deutlich, wie sehr wir mit Vorurteilen belastet sind und dass wir diese viel stärker beachten als die Handlungen eines Menschen. Man hofft beim Lesen permanent auf ein gutes Ende – sowohl für Atticus als auch für Tom Robinson – und möchte alle Beteiligten am liebsten durchschütteln, so verquer ist ihre Ansichtsweise. Und dann legt man das Buch zur Seite, geht auf Twitter, kriegt die aktuellen Nachrichten in die Timeline gespült und merkt, dass man gar keine fiktiven Charaktere zu schütteln braucht. Man kann ganz einfach bei seinen Mitmenschen anfangen.

Außerdem ist Scouts Vater Atticus für mich besonders. Er ist ein unglaublich toller, mutiger Charakter und für mich der absolute Held des Buches. Er ist es auch, der mir trotz der Geschehnisse im Buch noch etwas Hoffnung auf Besserung gibt, da er über die gesellschaftlichen Normen hinwegsieht und auch seine Kinder so erzieht, dass sie sich allen Menschen gegenüber respektvoll verhalten. Stellenweise verblüffte er mich damit, wie ruhig und freundlich er bleiben konnte – auch gegenüber denen, die seine Ansichten nicht teilen. In dieser Hinsicht kann ich mir wirklich noch ein Beispiel nehmen. Er verurteilt selbst den Rassismus der Menschen nicht, sondern versucht ihn zu ergründen. Atticus ist für mich einer der großartigsten Charaktere, die ich je lesen durfte.

“I wanted you to see what real courage is, instead of getting the idea that courage is a man with a gun in his hand. It’s when you know you’re licked before you begin but you begin anyway and you see it through no matter what.”

Fazit

Nach leichten Startschwierigkeiten bin ich absolut begeistert von dem Buch und frage mich, wieso wir es nie in Englisch gelesen haben. Gerade in Hinblick auf den Rassismus und die Morde in Amerika sollte es Pflichtlektüre im Schulunterricht sein.

7 Comments

  1. 14. September 2016 / 19:04

    Atticus ist wirklich DER Held des Buches, von ihm war ich damals auch besonders begeistert.
    Ich mochte diese Kleinstadt-Atmosphäre irgendwie sehr. Sie hat einfach die Geschichte gut eingebettet. Im Nachhinein bin ich sehr froh, dass ich mich ebenfalls an die englische Ausgabe gewagt habe – die Sprache bringt den Südstaaten-Flair noch einmal ganz besonders rüber. 🙂

  2. 15. September 2016 / 8:33

    Liebe Anabelle,

    „Wer die Nachtigall stört“ habe ich im letzten Jahr gelesen und vor ein paar Monaten dann auch „Gehe hin, stelle einen Wächter“. Wie du habe ich mich nach ersterem ebenfalls gefragt, warum diese Lektüre nie in der Schule durchgenommen wurde. Im Amerika ist die doch schon längst Pflicht. Ich habe das Buch zu meinem Lesehighlight 2015 gekührt, denn meiner Meinung nach besitzt es vor allem die Kraft zur Veränderung, wenn auch natürlich nur im Kleinen.

    Liebe Grüße
    Marie

  3. 17. September 2016 / 23:21

    “Wer die nachtigall stört” ist eines der Bücher, für das ich meinem Lesekreis ewig dankbar sein werde. Es gibt manchmal so Bücher, zu denen man hingestupst werden muss, auch wenn man schon hundert Mal davon gehört hat.
    Mich hat das Buch von der ersten seite angefesselt. Ich mochte die Atmosphäre, die träge Hitze, das mystische, das später immer mehr ins Hintertreffen geriet und das Ende der Kindheit Scouts einläutet.
    “Go set a watchman” habe ich später auch gelesen, mochte es aber nur vor dem vergleichenden Hintergund.

    Lieben Gruß
    Mona

    • Anabelle 19. September 2016 / 19:37

      Ich bin auch wirklich dankbar, dass ich es endlich gelesen habe! Auf “Go set a Watchman” bin ich sehr gespannt, aber da wird es sicher noch dauern, bis ich es lese.

      Liebe Grüße
      Anabelle

  4. 10. Januar 2017 / 11:37

    Ich habe das Buch ja auch kürzlich gelesen und bin gerade zufällig über deine Rezension gestolpert. Ich finde, was an dem Roman noch unglaublich gut dargestellt wird sind die Gründe für viele Probleme in Amerika: Diese Kluft zwischen Metropolen wie New York und dann den “verlorenen” Südstaaten, die so provinziell sind, dass man sich fast vorkommt, als würde man eine Zeitreise machen. Fehlende Bildung und finanzielle Not werden in dem Roman meiner Meinung nach unglaublich gut – und beiläufig – dargestellt, dazu diese “Das war schon immer so, das wird auch immer so bleiben”-Mentalität, die Veränderungen quasi zwanghaft verhindert. Auch das Scheitern der (zugegeben sehr fragwürdigen) Lehrerin passt wunderbar in dieses Bild.
    Ich finde, Harper Lee stellt so viel mehr dar als “nur” die Rassenproblematik. Ganz beiläufig entwirft sie ein Gesellschaftsbild der nicht so glamorösen Seite der USA.

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