Zorn und Morgenröte – Renée Ahdieh

Zorn und Morgenröte, Bastei Lübbe, LesejuryAuf einen Blick

Titel: Zorn und Morgenröte
Autorin: Renée Ahdieh
Verlag: Bastei Lübbe
Erschienen: Februar 2016
Seiten: 400
Preis: 16,99€ (Hardcover)

Das Manuskript wurde mir vom Verlag kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Inhalt

Jeden Tag erwählt Chalid, der grausame Herrscher von Chorasan, ein Mädchen. Jeden Abend nimmt er sie zur Frau. Jeden Morgen lässt er sie hinrichten. Bis Shahrzad auftaucht, die eine, die um jeden Preis überleben will. Sie stehen auf verschiedenen Seiten und könnten unterschiedlicher nicht sein … Und doch werden sie magisch voneinander angezogen …

Zu wenig Zorn, zu viel Morgenröte

Ich habe das Buch im Rahmen einer Leserunde der Lesejury gelesen und recht schnell gemerkt, dass ich sehr viel weniger enthusiastisch war als meine Mitleser. Das Buch wurde mir aus allen Ecken empfohlen und erfährt momentan ja wirklich einen enormen Hype. Ich hatte also dementsprechend hohe Erwartungen daran.

Das Buch startete auch gleich sehr vielversprechend mit einem atemberaubenden Setting. Es wurden viele fremde Begriffe verwendet, die hinten im Glossar jedoch alle erklärt standen. Man konnte sich die Umgebung der Charaktere bildhaft vorstellen und auch Sprache und Schreibstil haben mir gut gefallen. Viel mehr Positives kann ich allerdings auch nicht dazu sagen – leider.

Wie der Klappentext ja schon verrät, handelt es sich bei dem Kalifen Chalid um einen Massenmörder. Darüber hinaus vergewaltigt er die Protagonistin, die all das eigentlich nur über sich ergehen lässt, um ihre beste Freundin zu rächen, die ebenfalls von dem Kalifen getötet wurden. Tja. Eigentlich.
Denn obwohl Protagonistin Shahrzad ihr Leben riskiert, um sich an Chalid zu rächen, wirft sie all diese Pläne gleich zu Beginn über Bord. Und weshalb? Ach ja, genau: Weil die Augen ihres Vergewaltigers und Mörders ihrer besten Freundin ihr so ein schönes Kribbeln im Bauch verursachen. Leider hat das Buch es sich damit bei mir schon im ersten Leseabschnitt verspielt.

Im Verlauf der weiteren Geschichte erfährt man zwar mehr über den Kalifen, aber meiner Meinung nach rechtfertigt das die Handlungen der Charaktere – allen voran Shahrzad – überhaupt nicht. Was für eine Botschaft sendet dieses Buch denn? Dass man einem Mann alles vergeben kann, nur weil er einem schöne Augen macht? Dass ein Mann wie Chalid nur ein bisschen Liebe braucht? Die Vergewaltigung an Shazi wird kurz erwähnt und danach nicht wieder aufgegriffen.

zornmorgenopen

Ich bin jung, und ich weiß, dass meine Worte deshalb in der Welt wenig gelten, aber ich weiß genug, um zu sehen, dass man nicht bestimmen kann, was andere tun. Gewalt hat man nur über das, was man danach mit sich selbst anfängt.

Hätte Shazi nach diesen weisen Worten nur auch gehandelt – und etwas mit sich selbst angefangen. Sie wird andauernd als überaus stark beschrieben, handelt aber völlig anders als es ihrem Charakter laut der Beschreibungen entsprechen müsste. Auch hat mich gestört, dass sie eigentlich gar keinen Plan hatte, wie genau sie sich überhaupt an Chalid rächen möchte. Dafür, dass sie als so tough und intelligent dargestellt wird, hätte ich mir erwartet, dass sie auch etwas unternimmt, etwas mehr geplant hat, als zweimal kurze Geschichten zu erzählen. Dadurch baut das Buch für mich leider auch nur in wenigen Momenten Spannung auf. Hier hätte viel mehr erreicht werden können, hätte Shahrzad auch versucht, ihren Plan in die Tat umzusetzen – Chancen wären definitiv genügend da gewesen. Ihren Zorn, den sie angeblich andauernd spürte, habe ich ihr leider nicht abkaufen können.

Es gibt noch ein paar weitere Dinge, die mich an der Geschichte gestört haben, jedoch würden diese den Inhalt und Verlauf des Buches vorwegnehmen. Gegen Ende nimmt das Buch noch einmal an Spannung auf und auch magische Elemente, die im zweiten Teil sicher noch weiter ausgebaut werden, sind zum Schluss in die Geschichte eingeflochten, aber retten konnte das meiner Meinung nach nicht mehr viel.

Ich bin beim Schreiben der Rezension selbst ein wenig überrascht, wie negativ ich dieses Buch bewerte, da es beim Lesen durchaus auch schöne Stellen gab. Vielleicht bin ich auch wieder zu sehr Moralapostel, aber ich persönlich kann mich mit den Werten, die Zorn und Morgenröte vermittelt, nicht identifizieren.

Fazit

Mich hat das Buch leider enttäuscht. Es hat etliche positive Bewertungen, der Hype ist enorm und ich verstehe ehrlich gesagt nicht ganz, weshalb. Sind Bad Boys mittlerweile so im Trend, dass wir vollkommen über ihre Taten hinwegsehen? Sind wir so süchtig nach einer verruchten Romanze, dass uns Logik nicht mehr wichtig ist? Für mich sendet das Buch leider nur sehr fragwürdige Botschaften und ich konnte die Handlungen der Charakteren leider gar nicht nachvollziehen.

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18 Comments

  1. 3. Juli 2016 / 20:08

    Ich habe schon lange überlegt, dieses Buch zu holen, aber alleine das Grundprinzip (eben – Massenmörder, dessen Taten durch Liebe relativiert werden!) hat mich abgeschreckt. Wenn ich deinen Text lese und gerade die Fragen am Ende, bin ich erleichtert, es nicht getan zu haben. Es tut mir Leid, dass du dich so ärgern musstest – aber umso mehr danke ich für die Rezension und die klaren Worte! Vielleicht wird da mal mehr Sensibiliserung erreicht.

    • Anabelle 3. Juli 2016 / 20:24

      Oh, das freut und erleichtert mich gerade total, dass der erste Kommentar gleich ein positiver ist! 😀
      Gerade als ich das Buch gelesen habe, sind ja auch die etlichen Debatten um das Thema Vergewaltigung entbrannt und da reizt es beim Lesen natürlich noch viel mehr.

      Liebe Grüße!

  2. 3. Juli 2016 / 20:28

    “Sind Bad Boys mittlerweile so im Trend, dass wir vollkommen über ihre Taten hinwegsehen? ”
    Ich habe den gar nicht als Bad Boy wahrgenommen. Sondern als tief verletzten kleinen Jungen, der durch bedingungslose Liebe mal eben gerettet wird. Was genauso nervt.

    Gute Zusammenfassung.

    • Anabelle 3. Juli 2016 / 20:36

      Der typische Bad Boy, den man aus YA-Büchern kennt, ist er auch nicht wirklich. Das liegt aber auch am Setting, denke ich. Aber das Unnahbare und das Massenmörderdasein… nun ja. 😀

      Liebe Grüße!

      • 3. Juli 2016 / 23:55

        Stimmt. So als Serienkiller könnte man ihn schon als Bad Boy bezeichnen 😀

        Der Vorteil ist, dass man das nicht mehr steigern kann. Wir haben die Spitze des Bad Boy-Eisberges erreicht. (Woohoo?)

        • Anabelle 4. Juli 2016 / 7:35

          Ha! Das stimmt natürlich. Und schon kann man es wieder positiv sehen. 😀

  3. 3. Juli 2016 / 20:32

    Ich kenne das Buch nicht, aber die Vorlage. Dort heiratet das Mädchen den Kalifen gegen den Willen ihres Vaters mit der Begründung, weil sie dem Morden ein Ende setzen will (nicht um irgendwen zu rächen). Liebe spielt bei dieser Verbindung bis zum Schluss vermutlich keine Rolle, wohl aber Verführung. Nicht nur körperliche, sondern vor allem geistige. Wie das gelingt, lohnt allerdings zu lesen; das “Buch” ist nicht umsonst ein Klassiker.
    Vermutlich erzähle ich dir nichts Neues, denn ich rede natürlich von den Geschichten aus Tausend und einer Nacht. Denen kann ich allerdings eine unbedingte Leseempfehlung geben.

    • Anabelle 3. Juli 2016 / 20:37

      Vielen Dank! Ich hab das Original leider noch nicht gelesen, dabei steht es sogar schon länger auf der Wunschliste als “Zorn und Morgenröte”. Hier geht es wirklich primär um die Rache, wobei es sicherlich auch ein Motiv der Protagonistin war, den Morden generell ein Ende zu setzen.
      Ich bin mal gespannt, wie sich das Original hier unterscheidet.

      Liebe Grüße
      Anabelle

  4. 3. Juli 2016 / 22:21

    HIGH FIVE FÜR DIESE REZENSION! Ich stimme dir bei jedem Punkt vollkommen zu. Ich verstehe den ganzen Hype um das Buch leider überhaupt nicht. Meine Erwartungen waren recht hoch und dann kommt so ein Buch? Es hatte zwar durchaus spannende Textstellen, aber die Handlung lief viel zu schnell ab, vom Plan jemanden zu ermorden zu “Mag er mich auch?”. Du bist also nicht die Einzige, die das Buch nicht mochte 🙂
    Liebste Grüsse
    Julia

  5. 3. Juli 2016 / 22:25

    Ach Belli, deine Rezension hat mich wieder sehr erheitert. Auch ich habe so einige Male Facepalm-Momente verspürt, wenn ich dich über die Geschichte habe reden hören. Allein von der Message mag ich das Buch gar nicht lesen, da hat mir ja After damals schon gereicht – aber ich weiß, dass ich es mir jederzeit holen dürfte, wenn ich wollte und das reicht mir. 🙂

    Die Sache mit den Bad Boys… ich frage mich, ob sich das auch mal wieder verwächst. Klar, so eine Prise Mistkerl ist toll, aber ich habe das Gefühl, als würde die Aktionen immer “schlimmer” werden. Es reicht nicht mehr eine 90-Grad-Wende, nein, der Typ muss sich am Ende bestenfalls um 180 Grad gedreht haben. Ein richtiger Arsch wird durch ein vermeintlich starkes Mädchen zum absoluten Prinzen. Da bete ich jedes Mal, dass das nicht zu viel desillusionierendes Potenzial für junge Mädchen birgt.

    Fazit: Schöne, auf den Punkt gebrachte Rezension! 🙂
    Liebe Grüße
    Laura

  6. 6. Juli 2016 / 23:20

    Ach. Du. Schreck.
    Das ist jetzt die zweite Rezension, die ich zu diesem Buch lese und beide laden nicht wirklich dazu ein, dieses Buch zur Hand zu nehmen. Das klingt ja furchtbar! 🙁 Für mich ist die Entwicklung dieser Handlung ein NoGo (schnuckelige Vergewaltiger?! Wie kommt man bitte auf so einen haarsträubenden Mist?) und ich werde – obwohl ich mir auch bei negativen Rezensionen immer gern selbst ein Bild von einem Buch mache – einen großen Bogen um dieses machen. Holy Schnitzel, das geht einfach gar nicht.

    Danke für deine so ehrliche Rezension!
    Liebste Grüße aus Salzburg,
    Nana

  7. 23. Juli 2016 / 0:49

    Kann ich absolut nachvollziehen, wäre mir genauso gegangen. Dieses Mädel verliebt sich in “bösen Buben” wird da wohl etwas zu sehr auf die Spitze, bzw. darüber, getrieben.

  8. 2. September 2016 / 9:49

    Ich habe das Buch jetzt auch gelesen und kann nur sagen, ich stimme dir in allen Punkten zu! Ja, es hat sich zum Teil sehr schön gelesen und das Setting war märchenhaft toll, aber – ich weiß nicht wirklich, wo ich anfangen soll aufzulisten, was meiner Meinung nach mit der Geschichte alles nicht stimmt. Chalid ist ein Massenmörder, der Shazis beste Freundin auf dem Gewissen hat, und dann verliebt sie sich innerhalb von ungefähr drei Sekunden in ihn? Und weil er eine schwere Kindheit hatte, vergeben wir ihm jetzt alles (nur zur Ernnerung: Massenmörder), weil er ja eigentlich nur ein wenig Liebe braucht? Vielleicht sehe ich das alles zu eng, aber mich hat das Buch doch sehr irritiert und ich bin erleichtert, dass du und die meisten, die hier kommentiert haben, das ähnlich sehen…

    • Anabelle 2. September 2016 / 10:27

      Puh, ich bin jedes Mal erleichtert, dass ich es nicht alleine so wahrgenommen habe.
      Gerade dass sie ihm so schnell verziehen hat, verstehe ich eben nicht. Nach allem, was er getan hat, braucht es nur ein paar Blicke, um sie für sich zu gewinnen? Wo sie angeblich so stark ist?
      Ich hoffe, du hattest trotzdem auch Spaß beim Buch. Wie du ja meintest: Das Setting ist wirklich großartig! 🙂

      Liebste Grüße
      Anabelle

  9. 4. September 2016 / 13:39

    Ich finde diesen Trend irgendwie absolut bedenklich.
    Auf der Straße sieht man Pedgida und eine paranoide Angst vor dem Fremden, den Hass gegen Flüchtlinge und die Angst vor Männer. Während auf der anderen Seite irgendwelche seltsamen Frauen in diesem Setting ihre Vergewaltigungsfantasien ausleben. Normal?
    Solche Bücher unterstützen nur Vorurteile und schüren den Hass.

    Liebe Grüße, Anja

    • Anabelle 4. September 2016 / 17:16

      Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie den Hass schüren, da die meisten eben darüber hinweglesen. Der Trend ist aber definitiv bedenklich, da hast du recht!
      Die Angst vor dem Fremden wurde im Buch ja nicht thematisiert. Das war vielleicht eher einer der positiven Aspekte: Der Orient, Kultur und sogar einige Wörter wurden dem Leser näher gebracht. 🙂

      Liebe Grüße
      Anabelle

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