Night Vale und der Sinn im Unsinn – Blogtour Tag 4

nightvaleheaderHallo und herzlich Willkommen in Night Vale!
Heute ist bereits der vierte und somit vorletzte Tag unserer Blogtour. Wie ihr bestimmt schon mitbekommen habt, handelt es sich bei Willkommen in Night Vale um ein Buch der besonderen Art, da Night Vale – nun ja, sagen wir einfach, es ist etwas verrückt. So fragte man sich beim Lesen schon das ein oder andere Mal, ob die beiden Autoren einen eigentlich auf den Arm nehmen wollen. Gleichzeitig suchte man immer einen Sinn inmitten all des Chaos und Unsinns. Ob ich bei meinem Ausflug in das Wüstenstädtchen Night Vale einen Sinn gefunden habe? Ich habe es zumindest versucht und meine Leseeindrücke hier für euch niedergeschrieben.

Überwachung und Augenverschließen

Die Bewohner von Night Vale werden nicht nur von uns Lesern beobachtet. Nein, stellen wir uns kurz vor, wir Leser wären Bewohner Night Vales. Wir würden natürlich das Lokalradio hören. Würden Cecil Palmers beruhigender Stimme lauschen und uns nicht weiter wundern, dass er über jeden Einzelnen bestens Bescheid weiß. Auch über uns. Schließlich reden auch die Sprecher im Fernsehen direkt mit ihren Zuschauern, warten auf deren Antworten. Im Restaurant sitzt diese eine Dame mit Klemmbrett, die jede unserer Bewegungen mitschreibt. Je nachdem, wo wir gerade langlaufen, müssen wir natürlich damit rechnen, aus parkenden Autos heraus fotografiert zu werden. Fühlen wir uns nicht sicher, genügt es, im eigenen Heim leise “Geheimpolizei” zu flüstern und wenige Augenblicke später ist diese vor Ort. Das mag einem komisch vorkommen, aber das ist eben Night Vale. Und in dieser Stadt hinterfragt man am besten nichts. Man darf schon mal die Augen verschließen. Hauptsache, man fällt nicht auf.
Fühlt sich komisch an? Dann verlassen wir Night Vale lieber schnell wieder. Sind nicht mehr Bewohner, nur noch Leser. Puh, geschafft. Im Gegensatz zu den Charakteren des Buches können wir Night Vale ganz leicht verlassen. Wir schlagen einfach das Buch zu und sind wieder in unserer realen Welt. Hier gibt es so einen Unsinn wie ständige Überwachung Gott sei dank nicht. Hier werden unsere Bewegungen von keiner verrückten Dame mit Klemmbrett protokolliert. Was für ein Glück! Nein, mal im Ernst: Es mag überspitzt sein, aber leider unterscheiden sich auch unsere Städte in dieser Hinsicht nicht viel von Night Vale. Nur weil die Instanzen, die uns und unser Leben überwachen, nicht als merkwürdige Frau direkt vor uns stehen, ist es nicht weniger seltsam, wie leichtfertig wir sie ignorieren.
nightvaleoffen Jackie Fierro und Josh Crayton – Stillstand und Veränderung

Den wohl größten Gegensatz des Buches bilden die beiden Charaktere Jackie Fierro und Josh Crayton. Der 15-jährige Josh Crayton bringt seine Mutter Diane regelmäßig zur Verzweiflung, denn er ist nicht nur in der Pubertät, er ist außerdem ein Gestaltwandler. So weiß man nie, in welcher Form man ihm begegnet. Je nach seiner Stimmung wachsen ihm Flügel oder andere Körperteile oder aber er verwandelt sich in eine winzige Mücke. Dass diese Wandlungen nicht einfach pubertären Launen zuzuschreiben sind, wird relativ schnell deutlich, denn Josh wünscht sich nichts mehr, als seinen Vater kennenzulernen. Dass dieser Wunsch ihm bislang verwehrt blieb, ist auf jeden Fall Teil seiner Unsicherheit. Darüber hinaus verhält sich seine Mutter in letzter Zeit sehr merkwürdig. Wir alle kennen es wohl noch aus unserer Teenager-Zeit (okay, bei mir ist sie noch nicht sooo lange her): Den Wunsch dazuzugehören, hineinzupassen. So versucht sich Josh an den unterschiedlichsten Gestalten und obwohl er merklich unsicher ist, ist er doch der Einzige, der sich nicht vor Veränderungen in Night Vale scheut, sondern ihnen von Anfang an mutig entgegentritt.

Jackie Fierro hingegen muss diesen Mut, Veränderungen zu akzeptieren, erst erlernen. Ganz anders als bei Josh, wäre ein sich ständig wandelnder Körper wohl ihr größter Albtraum. Die Pfandhausbetreiberin ist schon seit sie denken kann 19. Daran, 20 Jahre alt zu werden, möchte sie gar nicht denken. Sie liebt ihre Routine und als diese von Veränderung bedroht wird, gerät ihre ganze Welt aus den Fugen. Obwohl die Charaktere Night Vales auf den ersten Blick wenig Identifikationsmerkmale bieten, kann man sich in Jackie und Josh doch wiedererkennen. Der Wunsch nach Stillstand oder Veränderung ist bei jedem von uns unterschiedlich ausgeprägt. Obwohl das natürlich der Idealzustand wäre, hält er sich nur selten in der Balance. Ein enormes Ungleichgewicht kann jedoch gefährlich werden. Wie man an Jackie sieht, brauchen wir Veränderungen, um an ihnen zu wachsen und letztendlich älter und erfahrener zu werden. Wir müssen lernen, über den Tellerrand hinauszuschauen. Gleichzeitig dürfen wir uns und unsere Wurzeln natürlich nicht vergessen. Obwohl das Leben uns verändert, sollten wir uns im Kern treu bleiben. Dass das alles andere als einfach ist, machen uns Josh und Jackie recht deutlich. Gleichzeitig zeigen sie uns aber auch, dass es möglich ist, über seinen eigenen Schatten zu springen – und das man während dieser Reise sogar neue Freunde gewinnen oder seltsame Papierzettel verlieren kann.

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Nichts passiert, alles passiert

Was einem beim Lesen früher oder später auffällt (vermutlich eher früher): Das Buch hat keine wirkliche Handlung, zumindest nicht im klassischen Sinn. Es gibt nicht den üblichen Spannungsbogen, die Plot Twists, Einleitung, Auflösung – Night Vale ist anders. Einerseits passiert nichts. Andererseits passiert alles. Man befindet sich am Ende des Buches nicht unbedingt an einem anderen Punkt als zu Beginn der Geschichte. Müsste ich die Handlung sinnvoll zusammenfassen, hätte ich wahrscheinlich meine Probleme. Und trotzdem geschehen tausend Dinge gleichzeitig. Manche werden nur in einem Nebensatz erwähnt und auch nicht weiter erklärt – einige Gegebenheiten im Buch, wie das Verbot, Weizenprodukte zu verzehren, kamen zwar auch im Podcast vor, doch erfuhr man den Grund für das Verbot nie. Man ist es als Leser nicht gewohnt, dass Dinge erwähnt werden, die für den weiteren Verlauf der Geschichte nicht von Relevanz sind. Sei es im Film oder in Büchern: Wird etwas gezeigt und beschrieben, erwartet man, dass es zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal wichtig ist. Nicht so in Night Vale.
Ich muss gestehen, dass mich das beim Lesen anfangs etwas genervt hat. Von anderen Büchern war ich nun einmal gewöhnt, dass “etwas passiert”. Etwas, dass die Handlung logisch in Fahrt bringt, zu einer weiteren Handlung führt, bis sich zum Schluss alles sinnergebend aufklärt. Am Ende musste ich dann aber feststellen, dass, so verrückt das Buch auch ist, gerade seine Willkür wohl am meisten Sinn ergibt. Denn unser Leben verläuft nun einmal nicht nach klaren Linien, die uns direkt ans Ziel führen. Oft ergibt unser Alltag ebenso wenig Sinn wie die Eigenarten Night Vales. Dinge geschehen ohne ersichtlichen Grund. Einige vergessen wir wieder. Andere nehmen wir einfach hin. Und egal, was uns das Leben wieder vor die Füße wird, egal wie unsinnig es uns manchmal erscheint: Wir meistern es trotzdem immer wieder. Manchmal packen wir an, manchmal verschließen wir die Augen. Aber egal wie wir es angehen, Hauptsache wir lassen uns von Kleinigkeiten wie Zeit-und-Raum-verzerrenden Plastikflamingos nicht aus der Fassung bringen.
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Das war es auch schon mit meiner Sinnsuche im scheinbaren Unsinn. Falls ihr das Buch schon gelesen habt oder noch plant es zu lesen, schreibt mir unbedingt in die Kommentare, welche Motive ihr entdeckt habt. Da gibt es sicher noch so einiges, das einem beim ersten Lesen entgeht. Ansonsten hoffe ich, dass euch der Beitrag gefallen hat. Morgen beendet Philip auf Book Walk dann die Blogtour und verlost tolle Preise unter allen fleißigen Lesern! Achtet also auf die unterstrichenen Wörter in den Beiträgen.

Bis dahin: Gute Nacht, Night Vale, gute Nacht.

7 Comments

  1. 12. Mai 2016 / 20:07

    Ich finde deinen Beitrag richtig, richtig gut! Ehrlich gesagt, ich habe mir beim Lesen nicht so viele Gedanken dazu gemacht und hab mich stattdessen einfach fallen gelassen. 🙂 Aber all dieser Unsinn, die Widersprüche und Skurrilitäten machen Night Vale für mich so liebenswert <3

    LG
    Isana

    • Anabelle 12. Mai 2016 / 20:10

      Oh, vielen, vielen Dank! 🙂
      Ja, das stimmt. Würde es immer Sinn ergeben, wäre es wohl einfach nicht Night Vale!

      Liebe Grüße
      Anabelle

  2. Margareta Gebhardt
    13. Mai 2016 / 16:29

    Hallo ,

    toller und sehr interessanter Beitrag .
    Ich wünsche Dir schönen Nachmittag.

    Liebe Grüße Margareta Gebhardt

  3. 11. Januar 2017 / 20:22

    Super toller Post!
    Falls du dich wunderst, dass der Kommentar so spät kommt: Ich hatte ihn in meinen Lesezeichen, weil ich ihn erst lesen wollte, wenn ich das Buch schon kenne. Und das ist mittlerweile der Fall, also hey, hier bin ich 😀

    Den Podcast höre ich schon lange, aber ehrlich gesagt habe ich mir nie groß Gedanken darüber gemacht, was die Dinge so bedeuten und welche Parallelen zur Realität es gibt, sondern habe es einfach als Unsinn hingenommen, der nur unterhalten soll – und das auch sehr gut erledigt. Was du über die Charaktere sagst klingt absolut plausibel und ich kann nicht glauben, dass ich das gar nicht so offen erkannt habe. Vielleicht sollte ich Dinge nicht immer einfach akzeptieren, sondern auch mal hinterfragen 😉
    Mich hat am Buch aber auch etwas gestört, dass es keine lineare Handlung gab und teilweise über mehrere Kapitel hinweg einfach gar nichts relevantes passiert ist. Aber das ist ja irgendwie das, was das Buch ausmacht und entweder man mag es oder man mag es nicht 🙂

    Liebe Grüße!

    • Anabelle 12. Januar 2017 / 14:15

      Hey!
      Das freut mich gerade voll, finde es immer toll, wenn alte Beiträge auch noch einmal gelesen werden. 😀
      Aber ich glaube, man kann auch Spaß haben, wenn man es einfach als Unsinn wahrnimmt. Man muss ja nicht alles zerdenken. 🙂

      Was die Handlung angeht, muss ich dir aber recht geben. Das macht Night Vale zwar aus, hat mich bei dem Buch aber auch irgendwie gestört.

      Ganz liebe Grüße
      Anabelle

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