Emma – Jane Austen

_MG_4000Auf einen Blick

Titel: Emma*
Autorin: Jane Austen
Verlag: Penguin Classics
Erschienen: 29. März 2012 (erstmals: 1815)
Seiten: 512
Preis: 14,99€ (Clothbound Classic)

Mit Jane Austens Emma habe ich das dritte Buch für die Klassiker-Challenge beendet. Ich habe es bereits letztes Jahr begonnen, jedoch fehlten mir da Zeit und Konzentration, um es wirklich zu lesen. Also war die Challenge ein guter Anlass, es noch einmal von vorne zu beginnen – und diesmal auch ganz zu lesen.

Wieso stand das Buch auf meiner Liste? Was habe ich mir erwartet?

Im dritten Semester haben wir in Anglistik Sense and Sensibility gelesen – bei einem großartigen Dozenten, der einem nicht nur das Buch, sondern auch dessen Autorin näher gebracht hat. Seitdem wollte ich Pride and Prejudice, das auch noch auf der Klassiker-Liste steht, und Emma lesen.
Da mir der Einstieg in das Buch ja schon einmal schwer fiel, habe ich auch dieses Mal erwartet, lange zu brauchen und deshalb nebenbei auch nichts anderes gelesen. Ansonsten habe ich mir eine Thematik erwartet, die der in Sense and Sensibility oder Pride and Prejudice ähnelt. Ergo: Hochzeiten, Romantik, Familiendramen etc.

Wurden die Erwartungen erfüllt?

Nein. Emma ist ganz anders als die beiden anderen Romane. Schon der Aufbau unterscheidet sich stark von Sense and Sensibility, da fast der gesamte Text aus Dialogen besteht. Die Beschreibungen, die sonst eigentlich so typisch für die Romane der Zeit sind, kommen hier sehr kurz. Ich habe eine Weile gebraucht, um mich daran zu gewöhnen, dann jedoch habe ich es geliebt.
Es unterscheidet sich außerdem ganz stark von den anderen Büchern, da Emma auf gar keinen Fall heiraten möchte. Sie sieht ihre Erfüllung nicht in einer Liebesbeziehung und spielt viel lieber die Kupplerin, als sich selbst auf die Suche nach einem Mann zu begeben. Im Gegensatz zu den weiblichen Figuren der anderen Werke hat Emma außerdem keine finanziellen Probleme und ist daher auch auf keine Hochzeit mit einer “besseren Partie” angewiesen. Die Charaktere des Buches haben meine Erwartungen bei weitem übertroffen und ich denke, jeder kann beim Lesen Menschen aus seinem eigenen Leben in ihnen erkennen.

“Oh! to be sure,” cried Emma, “it is always incomprehensible to a man that a woman should ever refuse an offer of marriage. A man always imagines a woman to be ready for any body who asks her.”

Was ist das Besondere an dem Buch?

_MG_4795Der Humor. Hier kommt mir mein Anglistikstudium dann echt mal zugute, ich weiß nämlich nicht, ob ich Jane Austens Humor sonst wirklich verstanden hätte. Ihr Humor ist einzigartig und darüber hinaus auch eng mit der Kultur und Historie des frühen 19. Jahrhunderts verbunden. Trotzdem passen viele Aussagen so gut auf unsere heutige Zeit, dass es fast schon gruslig ist. Das hängt jedoch auch sicher damit zusammen, dass Jane Austen sowie auch Emma ihrer Zeit voraus sind.

Eine weitere Besonderheit sind, wie sollte es bei der Autorin auch anders sein, die Charaktere. Allen voran Protagonistin Emma Woodhouse. Sie ist intelligent, leidenschaftlich und selbstständig, was im frühen 19. Jahrhundert alles andere als selbstverständlich war. Mir war sie besonders dadurch sympathisch, dass sie versucht, perfekt zu wirken, jedoch weiß, dass sie von der Perfektion weit entfernt ist. Sie ist gut in allem, jedoch hat sie keines ihrer Talente so weit verfolgt, dass man sie als die Beste auf einem Gebiet ansehen könnte. Obwohl sie sich dessen bewusst ist, stellt sie ein Selbstbewusstsein zur Schau, von dem wir uns alle ein Stückchen abschneiden könnten. Jane Austen war sich sicher, dass sie mit Emma einen Charakter erschaffen hat, den niemand außer ihr selbst würde mögen können. Nun, sie hat sich getäuscht.

Auch Emmas Vater, Mr. Woodhouse, muss noch erwähnt werden. Er unterstützt seine Tochter in allem, insbesondere ihrem Vorhaben, nie zu heiraten. Während andere Elternteile damit beschäftigt sind, ihre Töchter unter die Haube zu bekommen, versteht Mr. Woodhouse absolut nicht, wieso eine Frau sich in ein Unglück wie die Ehe stürzen sollte und sorgt mit den meisten seiner Auftritten für die lustigsten Dialoge.

Außerdem war es für mich total interessant zu sehen, wie sehr ich mich in einen Charakter verlieben und wie sehr ich die Spannungen spüren kann, ohne dass auf körperlicher Ebene etwas passieren muss. Da habe ich ein neues otp und sie müssen sich noch nicht einmal küssen, um mein Herz höher schlagen zu lassen. Es funktioniert also auch mit Subtilität. 😉

“Men of sense, whatever you may chuse to say, do not want silly wives.” – Mr. Knightley

Ich liebe es, dass Jane Austen solch wundervolle, vielseitige und vor allem realistische Charaktere geschaffen hat, ohne sie offen zu charakterisieren. Es finden sich kaum Beschreibungen über die Figuren und dennoch hat man so ein klares Bild von ihnen vor Augen, einfach durch ihre Handlungen und Äußerungen. Das beste Beispiel dafür ist die überaus gesprächige Miss Bates. Sie redet wie ein Wasserfall, unterbricht sich ständig selbst, sodass ihr irgendwann keiner mehr zuhört. Anstatt diese Eigenschaft zu beschreiben, lässt Austen Miss Bates einfach seitenweise Monologe führen. Sie plappert ohne Ziel, sodass man als Leser selbst nur noch genervt den Kopf schüttelt und froh ist, wenn sie endlich den Mund hält oder Emma sich einfach verabschiedet und geht. Jane Austen hat das “show, don’t tell” perfektioniert.

Fazit

Nachdem ich etwas länger gebraucht habe, um mich in das Buch und die Sprache einzufinden, konnte ich nicht mehr mit dem Lesen aufhören. Jane Austen schreibt einfach wunderschön und schafft es, die Gesellschaft auf den Punkt genau zu charakterisieren und teilweise auch zu karikieren (laut Duden das Verb zu ‘als Karikatur darstellen’). Interessanterweise trifft diese Karikatur auch heute noch in vielen Punkten zu.

* Hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link.

4 Comments

  1. 7. April 2016 / 14:41

    Du sprichst mir mit deiner Rezension aus der Seele – genauso erging es mir auch beim Lesen. 🙂
    Ich freue mich, dass dich Jane und Emma überraschen konnten und bin gespannt, welchen Klassiker du dir als nächstes vorknöpfen wirst!

    Liebste Grüße,
    Nana

  2. 8. April 2016 / 15:32

    Ich finde mich gerade sehr in deiner Beschreibung wieder: Auf den ersten 60 Seiten habe ich mich sprachlich durchquälen müssen. Aber ab etwa Seite 150 konnte ich es nicht mehr aus der Hand legen. Der egoistische Charakter von Emma machte diese Satire zu einem meiner Klassik-Favoriten.

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