Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben – Matt Haig

gruendetulpeAuf einen Blick

Titel: Ziemlich gute Gründe, am Leben zu bleiben *
Autor: Matt Haig
Verlag: dtv
Erschienen: 18.03.2016
Seiten: 304
Preis: 18,90€ (Hardcover)

Das Buch wurde mir kostenfrei vorab zur Verfügung gestellt. Vielen Dank dafür! 🙂


Klappentext

Ein Buch, das es eigentlich gar nicht geben dürfte. Denn mit gerade mal 24 Jahren wird Matt Haig von einer lebensbedrohlichen Krankheit überfallen, von der er bis dahin kaum etwas wusste: einer schweren Depression. Es geschieht auf eine physisch dramatische Art und Weise, die ihn buchstäblich an den Rand des Abgrunds bringt. Dieses Buch beschreibt, wie er allmählich die zerstörerische Krankheit besiegt und langsam ins Leben zurückfindet. Eine bewegende, witzige und mitreißende Hymne an das Leben und an das Menschsein – ebenso unterhaltsam wie berührend. »Ich habe dieses Buch geschrieben, weil letztendlich doch etwas dran ist an den uralten Klischees: Die Zeit heilt alle Wunden, und es gibt ein Licht am Ende des Tunnels, auch wenn wir es zunächst nicht sehen können. Und manchmal können Worte einen Menschen tatsächlich befreien.« Matt Haig

“Ich glaube, wenn wir genau hinhören, bietet das Leben immer Gründe, nicht zu sterben”

Eins sollte ich gleich zu Beginn loswerden: Ich hatte noch nie eine Depression und auch noch nie einen Grund, mir zu wünschen, nicht am Leben zu sein. Ich denke Menschen mit Depression gehen an das Buch noch einmal ganz anders ran, da sie es ja mit persönlichen Erlebnissen vergleichen können, was bei mir (zum Glück) nicht der Fall ist.

Ziemlich gute Gründe am Leben zu bleiben ist ein Buch, das mich erst einmal ein wenig sprachlos zurücklässt. Einerseits, weil es so offen und ehrlich ist, dass es einem direkt ins Herz geht. Andererseits, weil es wahnsinnig zum Nach- und Umdenken anregt. Gerade wenn man, wie ich, noch nie direkt mit Depression in Kontakt kam.
Leider ist Depression in unserer Gesellschaft immer noch nicht als die Krankheit angekommen, die sie ist. Viel zu schnell drücken wir einem Depressiven einen Stempel auf, verbuchen ihn unter traurig, melodramatisch und allen möglichen anderen Adjektiven. Dass diese Stigmatisierung aufhören muss, ist eigentlich klar. Und doch scheinen Depression, Burnout, Angstzustände und psychische Krankheiten generell immer noch ein Tabuthema zu sein. Dabei, das betont der Autor ganz häufig, hilft gegen eine solche Krankheit vor allem eins: reden.

Eines Tages wirst du Glück erleben, das genauso groß ist wie der Schmerz jetzt.

Matt Haig schafft ein Bewusstsein dafür, was es wirklich heißt, depressiv zu sein. Er beschreibt die Gefühle, die ihn plagten, so anschaulich wie nur irgendwie möglich und bringt den Leser durch Gedankenszenarien zum Nachdenken. Was würden wir zum Beispiel tun, wenn unser Bein in Flammen stünde? Wenn der Schmerz nicht auszuhalten wäre und wir uns nicht zu helfen wüssten? Wir würden uns vermutlich bemerkbar machen und über das in Brand stehende Bein reden, oder? Genau das versuchen viele Depressive auch. Nur reichen wir ihnen keinen Feuerlöscher, sondern machen Bemerkungen à la “Was meinst du denn, wieso dein Bein brennt?”, “Na, so schlimm hast du es aber doch nicht. Andere Menschen haben sogar zwei brennende Beine!”. Wenig hilfreich, nicht wahr?
In dieser Hinsicht hat der Autor schon einmal dafür gesorgt, mich für dieses Thema zu sensibilisieren. Man kann die Ängste und die Not, wenn man sie selbst nicht erlebt hat, vielleicht nicht verstehen, aber man kann sie akzeptieren und zumindest versuchen, zu helfen.
gruendedepri Doch auch fernab dieser Sensibilisierung für das Thema Depression ist das Buch extrem hilfreich. Es appeliert daran, uns wieder mehr auf uns selbst zu besinnen. Achtsam zu sein. Auf uns und auf andere. Matt Haig ist wahnsinnig wortgewandt und intelligent. Ich habe aus dem Buch auch so viel für mich selbst mitnehmen können und es hilft einfach, sich wieder den wirklich wichtigen Dingen zu widmen. Dem Leben. Dem richtigen Leben, fernab von Werbung, Social Media und dem ständigen Wunsch nach Konsum. Das Buch ist darüber hinaus vor allem eins: tröstlich. Eine Erinnerung daran, dass es völlig okay ist, das zu fühlen, was wir fühlen. Das wir völlig okay sind, so wie wir sind.

Einen Normalstandard gibt es nicht. Normal ist subjektiv. Auf unserem Planeten gibt es sieben Milliarden Versionen von normal.

Mir hat außerdem der Aufbau des Buches sehr gut gefallen. Trotz der schweren Thematik, liest sich das Buch sehr leicht. Das liegt zum einen an Haigs Art zu erzählen, zum anderen auch daran, dass die autobiographischen Elemente immer mit kurzen, zum Schmunzeln bringenden Kapiteln unterbrochen werden. So führt Haig “Ferngespräche in die Vergangenheit” mit seinem 24-jährigen Ich, erzählt von Dingen, die ihn glücklich machen und ein Kapitel besteht aus Tweets in dem Menschen unter dem Hashtag #reasonstostayalive erzählen, was sie am Leben hält.

Matt Haig beweist, das Bücher Leben retten können. Teilweise waren sie Lebensretter für ihn und ich glaube, sofern ich das beurteilen kann, das auch sein Buch und seine Geschichte Leben retten können. Mein Leben zumindest hat dieses Buch bereichert.

Lies was du willst. Hauptsache, du liest. Bücher sind Möglichkeiten. Sie sind Fluchtwege. Sie geben dir Optionen, wenn du keine hast. Jedes Buch kann ein Heim für einen entwurzelten Geist sein.

Fazit

Ich kann dieses Buch jedem, wirklich ausnahmslos jedem, weiterempfehlen. Es ist kein Sachbuch, die Fakten zum Thema Depression sind hier eher zweitrangig. Es geht vielmehr darum, Menschen wie mir verständlich zu machen, wie man sich mit Depression fühlt und den Menschen mit Depression zu zeigen, dass das Leben wider aller Erwartungen eben doch lebenswert ist.

* Hierbei handelt es sich um einen Affiliate-Link.

6 Comments

  1. 25. März 2016 / 12:53

    Das Buch klingt ja wirklich toll. Es ist gleich mal auf meine Wunschliste gewandert.
    Da ich selber ja eine “Betroffene” bin, bin ich wirklich sehr gespannt. Ich habe schon das ein oder andere Buch mit dem Thema Depression gelesen, aber diesen sind oftmals ziemlich “Sachbuch”-mäßig aufgebaut. Nach deiner Rezension bin ich jetzt wirklich gespannt auf dieses Buch.

    Danke dafür <3
    Liebe Grüße
    Anna

    • Anabelle 25. März 2016 / 12:59

      Das Buch behandelt zwar auch ein paar Fakten, aber die persönliche Geschichte steht im Vordergrund. Das hat mich der Thematik viel näher gebracht, als es jede sachliche Debatte hätte tun können.
      Ich bin gespannt, was du über das Buch denkst! Schreib mir danach unbedingt mal. <3

      Liebste Grüße
      Anabelle

  2. 31. März 2016 / 18:58

    Das Buch spricht mich auch schon länger an und ich denke, dass ich es bald auch einmal lesen werde. Von Matt Haig wollte ich schon länger mal “Ich und die Menschen” lesen, was auch sehr interessant klingt und ja ebenfalls einen kleinen Hype erfahren hat, was aber auch auf meiner Wunschliste irgendwie in Vergessenheit geraten und nun durch dieses neue Buch von ihm wieder zum Vorschein gekommen ist. Ich finde es übrigens sehr schön, dass du gleich zu Anfang deiner Rezension betonst, dass du als Nicht-betroffene wahrscheinlich anders an das Buch herangehst als Betroffene.

    Liebe Grüße
    Chrisi

    • Anabelle 31. März 2016 / 20:29

      Hallo Chrisi,

      “Ich und die Menschen” kannte ich vorher leider gar nicht, es ist nach diesem Buch jetzt aber auch auf meine Wunschliste gewandert. Zum Teil behandelt es ja auch die gleiche Thematik.
      Danke, das freut mich! Es ist auch immer schwer, wenn nicht sogar unmöglich, da als Nicht-Betroffener überhaupt irgendwelche Aussagen zu machen.

      Liebe Grüße
      Anabelle

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